Reisebericht
von Dagmar Sieg, Regina Kubiak-Heutling und Rosi Detjens
Freitagmorgen kamen wir mit unserem Transporter voller Spenden am Tierheim an. Diesmal mussten wir ums Tierheim herumfahren und standen vor einer grauen Wand. Dort sollte sich ein weiterer Eingang befinden, der den Zutritt zum abgesperrten Bereich der zur Ausreise vorbereiteten Hunde ermöglichte. Da es aber noch keine Tür gab, die wurde erst später ruckzuck eingebaut, mussten wir zu Fuß ums Tierheim laufen - und wurden von vertrauten Geräuschen und Gerüchen überflutet. Als wir das Tierheim betraten, fiel der erste Blick auf einen rostigen, dreckigen Eisenkäfig, in dem mutterseelenallein der letzte überlebende Welpe von vier entsorgten Hundekindern saß. Sofort schöpfte er Hoffnung auf Zuwendung und streckte sein kleines Köpfchen durchs Gitter. Bei seinem Anblick hatten wir alle drei sofort einen dicken Kloß im Hals und wir wussten wieder ganz genau, warum wir uns für die Hunde in Kecskemét einsetzen müssen.
Schon die ersten Schritte durch das Tierheim machte uns klar, dass es mal wieder hoffnungslos überfüllt ist. In der Quarantäne sitzen die Hunde aus Platzmangel zu dritt oder viert in einem Zwinger.
Überdies sitzen dort unzählige Mütter mit ihren Babys - ausgezehrt, abgemagert, hoffnungslos. Auch das Welpenhaus ist voll. Wir konnten uns die dort untergebrachten Tiere aber nicht anschauen, weil es im Welpenhaus noch vereinzelt Parvo-Fälle gibt.
Bei unserem Gang durch das Tierheim waren wir entsetzt über den Zustand vieler Tiere, die wir im Juni und Juli noch wohlgenährt, offen und freundlich gesehen und erlebt haben, die jetzt trotz voller Futternäpfe bis zum Skelett abgemagert und völlig apathisch waren. Oft blieben wir fassungslos vor dem Gehege stehen und fragten uns, ob dies wirklich derselbe Hund sein kann.
Die noch immer herrschende brütende Hitze ist für die Hunde unerträglich. Viele versuchen verzweifelt, sich einzugraben, um sich durch den kühleren Sand Linderung zu verschaffen. Auch uns hat die Hitze zu schaffen gemacht, aber wir wussten die ganze Zeit, dass wir ihr im klimatisierten Auto wieder entkommen können.
Es ist sehr schwer, dies alles zu sehen und zu wissen, dass man nur einem Bruchteil der Hunde helfen kann und der größte Teil sein Leben unter diesen traurigen Umständen fristen muss. Aber natürlich ist es nicht die Hitze allein. Diese Hunde dort sind einsam, aber so unglaublich liebedürftig. Jeder einzelne von ihnen wäre ein idealer Familienhund. Es sind so unglaublich viele Hunde dort, die ein wunderbares Wesen haben, aber nur so wenige bekommen eine Chance.
Überall im Tierheim begegnet man Hunden, die auf unterschiedlichste Art versuchen, auf sich aufmerksam zu machen, sie rennen am Gitter auf und ab, springen hoch, bellen und winseln verzweifelt, oder stecken ihre Köpfe so weit es irgendwie geht durch die Maschen. Aber es gibt auch die vielen, die sich verstecken, die aufgegeben haben, die jede Hoffnung verloren haben, jemals etwas anderes zu sehen als die Gitter ihrer Gehege oder Zwinger. Je nach Hund dauert es unterschiedlich lang bis dieser Zustand erreicht ist. Bei einigen geht es ganz schnell, andere halten länger durch.
In jedem Gehege sieht man sie, die Verzweifelten, tief in den Boden vergraben, oder in der hintersten Ecke einer Hütte, drehen sie uns den Rücken zu, weil sie wissen, dass sie nicht dabei sein werden, und der Transporter wieder ohne sie abfahren wird. Wir können sie gar nicht zählen, die vielen traurigen Augen, in die wir am Wochenende wieder geblickt haben und die wir nie vergessen werden, aber denen wir auch nicht helfen können. Viele der Hunde, die wir gestern noch sahen, werden bei unserer nächsten Fahrt nach Ungarn nicht mehr da sein. Sie werden den Kampf verlieren, und man wird sie, wenn sie auf unserer Homepage eingestellt waren, auf unserer Regenbogenrubrik ein letztes Mal wiedersehen können.
Wie immer hatten wir eine lange Liste mit Hunden, die wir uns ansehen und fotografieren wollten. Bernadette hat uns dabei geholfen, die einzelnen Hunde aufzufinden.
In der hintersten Ecke, kaum zu entdecken versteckte sich ein großer, schwarzer, zotteliger, abgemagerter Hund, der mich misstrauisch beäugt hat und das Interesse an ihm eher beängstigend fand. Da ich aber unbedingt sehen wollte, ob es sich bei diesem Hund um einen Briard-Mix handeln könnte, ging ich immer wieder zu ihm hin und versuchte, durch die Bretterverschläge einen Blick auf ihn zu erhaschen. Völlig verfilzt, mit verklebten Augen lag er dort, abseits von den anderen Hunden, jeder Kontakt schien ihm zuviel zu sein. Ich fotografierte und sprach mit ihm, aber ich wurde standhaft ignoriert. Als ich am nächsten Tag wieder ins Tierheim kam und nach ihm sehen wollte, fand ich ihn an der gleichen versteckten Stelle im Gehege vor. Ich sprach ihn an und er drehte sofort den Kopf zu mir, stand auf und ging auf mich zu. Ich konnte es kaum glauben, aber er schien mich zu erkennen. Er dachte wohl, wenn jemand so hartnäckig an ihm interessiert ist, dann darf man sich den mal genauer anschauen. Als er seine dicke schwarze Nase gegen das Gitter drückte und ich ihn streicheln durfte, konnte ich nur sehr mühsam die Tränen zurückhalten. Als andere Hunde kamen, zog er sich erst zurück, überlegte wohl kurz und kam dann ans Gitter zurück, um sich die Nase weiter vorsichtig kraulen zu lassen. Die anderen Hunde schickte er mit einem kurzen Drohen vom Gitter weg und bestand darauf, diese kleine Aufmerksamkeit nun ganz alleine für sich zu beanspruchen. Portás gehört zu den Hunden, die nicht sofort unbefangen auf Menschen zugehen können, die Zeit brauchen, um Kontakt zu knüpfen, die sich aber trotz ihrer distanzierten Art nach Zuneigung und Liebe sehnen. (Regina Kubiak-Heutling)
Nach Liebe und Aufmerksamkeit sehnt sich auch der große Schäferhundrüde, den ich besonders ins Herz geschlossen habe. Bei unserer Ankunft war er noch in der Quarantäne in einem Einzelzwinger. Ein großer, viel zu dünner Hund, der sich nicht ans Gitter traute. Die Augen blicken skeptisch und wenn man sich ihm näherte, zog er sich ängstlich zurück.
Später am Nachmittag musste dieser Hund seinen geschützten Einzelzwinger verlassen, weil er für einen anderen Hund benötigt wurde. Der Rüde kam nun in ein großes Gehege, in dem sich bereits viele andere Hunde befanden. Hunde, die bereits länger so zusammen laufen und ihre Stellung in der Gruppe (vielleicht) gefunden haben.
Wie wird es ihm ergehen, dem Neuen? Viele Hunde kommen angelaufen und wollen ihn beschnüffeln. Nicht aggressiv, aber auch nicht freundlich, sondern abschätzend. Wer bist Du? Willst Du uns was streitig machen? Er steht ganz ruhig und lässt alles geschehen. Wenn er von anderen Hunden abgedrängt wird, lässt er es zu und geht woanders hin.
Am nächsten Morgen fällt mir auf, das der Rüde in freudiger Erwartung an den Zaun kommt, jedesmal wenn ich vorbei gehe. Ich versuche, ihn zu streicheln, aber sofort drängelt sich ein anderer dazwischen und so macht er wieder Platz für diesen Hund. Aber er ist schlau und verfolgt mich bis in die hinterste Ecke. Hier ist kein Hund gefolgt und so steckt er seinen schönen Kopf durch den Spalt zwischen den Gitterelementen und genießt die Streicheleinheiten. Jetzt ist Hoffnung in seinem Blick. Die Hoffnung, dass ich ihn mitnehme und aus dieser Situation befreie. Mir zerreißt es fast das Herz, denn leider kann er nicht mitfahren, aber ich habe ihm versprochen, dass wir ein schönes Zuhause für ihn suchen und ich hoffe sehr, dass es dann nicht zu spät ist. (Rosi Detjens)
Und dann sind da noch die vielen zauberhaften Welpen. Einige von denen, die ich im Juli gesehen habe, sind noch da. Viele neue sind hinzugekommen. Jeder einzelne von ihnen versucht, Aufmerksamkeit und ein bißchen Liebe zu bekommen. Sie scheinen zu ahnen, dass es ein besseres, schöneres Leben geben könnte:
Wenn dieser Mensch dort vor unserem Zwinger doch nur wüsste, welch ein lieber, kleiner Schatz ich bin. Wenn er doch nur die Tür aufmachen und mich herausholen würde. Guck doch mal! Hier bin ich! Nimm mich mit!! Sieh doch nur, wie ich mich anstrenge, um Dir zu gefallen.
Ihr Flehen um Liebe hallt wie ein einziger Schrei durch die Station.
Ganz besonders gerührt hat mich auch der Junghund, den man aus Platzmangel in einen Käfig gesteckt hat. In einen Käfig, in welchem er sich kaum drehen und wenden kann. Wie hat diese Zaubermaus sich über ein wenig Ansprache gefreut. Bis auf die Knochen abgemagert, konnte er gar nicht schnell genug mit dem Schwanz wedeln. Es bricht mir das Herz bei der Vorstellung, dass sich vielleicht niemals jemand für diesen Schatz interessieren wird. Dass sein Leben nicht schön sein wird.
Auch die Katzenkinder leiden ganz entsetzlich. In die hinterste Ecke in der Quarantäne verbannt, scheint man sie einfach zu vergessen. Aus lauter Verzweiflung fressen sie ihre verendeten Leidensgenossen. Es war ein schlimmer Anblick, den ich einfach nicht mehr aus dem Kopf bekomme. (Dagmar Sieg)
Mit 34 Hunden an Bord haben wir die Heimreise angetreten. Und als ob eine höhere Macht unseren Gefühlen Ausdruck verleihen wollte, fing es kurz vor Budapest zu regnen an.
Der Himmel weint...











