Reisebericht Elke Otte
05. August 2010
Um 2 Uhr morgens am Mittwoch holte Birgit mich ab. Da ich zu Hause ziemlichen Stress hatte, habe ich gar nicht geschlafen und durchgearbeitet. Um Mitternacht also unter die Dusche, Sachen packen und um 2:30 Uhr war Abfahrt. Wir fuhren dann Richtung Gifhorn zu Steffi, die sollte diesen Transport auch begleiten. Wir waren dieses Mal extra früher gefahren, um Gabor und Dori zu überraschen. Er wusste nämlich gar nicht, dass wir einen Tag früher anreisen würden.
Wir kamen gut durch und ich hatte mit meiner Müdigkeit zu kämpfen. Höhe Würzburg war ich völlig übermüdet und sah aus wie „Hildegard Knef nach der Wurmkur“. Gabor rief auf der Fahrt abwechselt mich, Birgit und Steffi an. Wir mussten uns das Lachen so verkneifen. Er sollte ja nicht mitbekommen, dass wir schon lange unterwegs waren.
Gegen 21 Uhr standen wir endlich an dem weißen Tor der Swiss Ranch.
Jedes Mal, wenn ich an diesem Tor stehe, denke ich:“ Wer es bis hier her geschafft hat, ist fast sicher". Das denke ich wegen der Tiere, aber mir ging es durch meinen Schlafentzug dieses Mal wirklich schlecht und nunl war das weiße Tor für mich die Rettung. Gabor freute sich und wir wurden von allen herzlich begrüßt.
Wir saßen noch eine ganze Weile draußen und haben über das Tierheim und die einzelnen Fellnasen gesprochen. Um genau 23:40 Uhr ging bei mir aber wirklich gar nichts mehr und Gabor hat mir mein Bett gebaut. Ich wollte wieder wie im letzten Sommer draußen schlafen - die Grillen hören, die Hunde um einen herum und das Bellen der Kettenhunde in weiter Ferne.
Birgit und Steffi schliefen im Haus, ich hatte ein traumhaftes Bett im Transporter zwischen all den Spenden. Eine kleine Katze schlich sich mit in mein Bett und ich habe tief und fest geschlafen. Gegen 7:30 Uhr wurde ich wach. Ich schälte mich aus dem Transporter, die kleine Katze lag noch immer in meinem Bett. Steffi hatte –wie immer- bereits den Kaffee fertig und ich muss auch noch hier betonen, dass sie für mich auch für die Fahrt wieder „Schnitten“ geschmiert hatte.
Das macht Steffi immer für mich. Ganz lieben Dank mal an dieser Stelle. Als Steffi und ich Kaffee trinken wollten, bellten die Hunde und vorn an David und Szivi. Gabor kam völlig verschlafen raus und rief erst mal:" Isch Ruhe jetzt!" Szivi und Co. waren abrupt still. Ich sagte zu Gabor: "Guten Morgen!" Doch der pfiff mich an: "Was soll an diesem Morgen gut sein?"
Er sagte zu mir:"Du hast doch bestimmt auch nicht schlafen können." Ich fragte: "Wieso?" Ich hatte traumhaft geschlafen. Er erzählte dann, dass Szivi die ganze Nacht gebellt hatte. Die Szivi übrigens, die direkt neben dem Transporter im Zwinger war, in dem ich geschlafen hatte. Ich habe keine Szivi gehört. Ich hatte gar nichts gehört. Gabor erzählte dann aus Szivis Sicht und ich musste so lachen:
"Was macht der Transporter hier? Wuff Wuff."
"Wieso ist der Transporter hier? Kläff Kläff."
"Ich kann überhaupt nichts sehen: Bell Bell."
Ich hatte von dem nächtlichen Terror überhaupt nichts mitbekommen.
Birgit wurde dann auch wach und wurde freudig von Baltazar begrüßt. Wir alle hatten Tränen in den Augen. Baltazar, dieser alte Herr, der hier auf der Ranch sofort seinen Lebenswillen zurückgefunden hatte.
Das zu sehen, wie er hier zwar langsam, aber freudig über das Grundstück schlendert, ist einfach nur schön. Für ihn war es rechtzeitig. Er ist ein wirklich toller Hund und traumhaft schön. Irgendwie hat der was - was kann ich nicht beschreiben.
Wir haben dann gefrühstückt und Doris Geburtstagsgeschenke übergeben.
Danach mussten wir erst einmal einkaufen.
Birgit stand plötzlich mit Tränen in den Augen vor mir. Ich fragte, was passiert sei. Es kam eine ältere Ungarin auf sie zu und fragte, ob sie zu dem Transporter draußen gehören würde. Also, zu dem Verein, der hier aus Deutschland in Mentvár hilft. Birgit sagte ja. Die Frau bedankte sich und gratulierte ihr. Das haben wir schon oft erlebt.
Dass Passanten am Straßenrand stehen, auf unseren Transporter schauen und winken. Wir werden zwar „Die Deutschen“ genannt, aber egal, wir sind’s ja auch.
Dann ging’s ins Tierheim. Ich bin das letzte Mal im Dezember in Mentsvár gewesen. Das Tierheim ist zurzeit wieder mal hoffnungslos überfüllt. Im Eingang fiel mir gleich eine Box auf, in der Stefano im Moment sein Dasein fristet.
Er ist – wie leider viele im Moment – auch an einer bakteriellen Darminfektion erkrankt. Leider aber nicht nur das, sondern er wurde zuvor auch noch zusammengebissen. Armer Stefano und ich wünsche mir wirklich, dass er bald einen Platz findet und vor allem, erst einmal gesund wird.
Niki macht mich auf einen alten Vizsla aufmerksam.
Der Besitzer wurde obdachlos und musste sich von dem Hund trennen. Fülöp sitzt nun mit seinen 10 Jahren allein im Zwinger und versteht die Welt nicht mehr. Wenn Hunde weinen könnten, würden ihm wahrscheinlich die Tränen über die Wangen laufen. Fülöp hat Papiere und einen Stammbaum, doch was nützt ihm das? In Ungarn hat er keine Chance auf eine Vermittlung.
Wenn er das Tierheim lebend verlassen wird, dann nur noch über den Weg nach Deutschland. Wir hoffen wirklich sehr, dass er noch einen Platz findet. Er hatte 4 Vorbesitzer und soll seine Endstation wirklich das Tierheim sein?
Meine Nachbarin und Freundin Martina hat eine deutsche Dogge.
Durch Pelle habe ich ein Faible für Doggen. Als ich durch die Quarantäne ging, blieb mir der Atem stehen - vor mir stand eine wunderschöne Dogge. Bildschön und superlieb. Genau die gleichen Sabberfäden im Maul, wie mein Nachbar Pelle. Ihm wünsche ich so schnell wie möglich einen Platz in Deutschland.
In der Quarantäne saß noch ein alter Cocker. Selbst Niki sagt, sie ist alt, hat einen Tumor und ist gebrochen. Sie hat sich aufgegeben. Wir werden versuchen, für sie so schnell wie möglich einen Platz zu finden. Viele, viele Welpen, die in ihren viel zu kleinen langweiligen „Karnickelställen“ ihr Dasein fristen müssen. Immer wieder kommen mir die Tränen.
Immer wieder sehe ich Hunde - viel zu dünn, krank, alt und chancenlos! Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es dieses Mal so viele sind. Wir gönnen uns eine Pause und bekommen von Niki Kaffee und blödeln rum, denn uns allen geht es irgendwie nicht gut. Man wird erschlagen von so vielen Notfällen. Wo fängt man an? Als ich vorn sitze und Kaffee trinke, sehe ich Afamar.
Ach man, ja …….. als Welpe im Tierheim abgegeben, dort groß geworden, kurzzeitig in Ungarn vermittelt und zurückgebracht, weil er abgehauen war!!!! Abgehauen!!!!! Nun steht und sitzt Afamar, wieder genau in dem gleichen Zwinger wo er groß wurde. Dort hockt er in seiner Ecke und wartet, wartet und wartet.
Während unsere Hunde in Deutschland, mit Leckerlies überschüttet werden, in schönen Körbchen schlafen, in die Hundeschule gehen und andere Hunde auf der Wiese treffen zum spielen. In der Zeit steht und sitzt Afamar in seiner Ecke und wartet und wartet. Ein wunderschöner Schnauzermix. Wenn man ihn besucht freut er sich und möchte am liebsten in einen reinkriechen.
Ein paar Streicheleinheiten und dieser Hund kommt aus seiner Lethargie heraus und man hat einen fröhlichen Afamar vor sich. Der spielen will, der Aufmerksamkeit will, wie ein Hund in Deutschland. So was macht wütend und traurig zugleich. Ach Afamar, ich wünsche Dir so sehr, dass Du nicht mehr lange in deiner Ecke warten musst. Völlig eingesaut komme ich aus dem Zwinger von Afamar wieder raus.
Aber das ist egal, völlig egal. Das war für ihn heute sein Highlight. Jemand ist zu ihm gegangen und hat ihm ein bisschen Aufmerksamkeit geschenkt.
Wir fahren zurück zur Ranch. Steffi hat Kaffee gekocht und wir stopfen uns dieses leckere schwarz weiße ungarische Zeugs rein. Leute, ihr glaubt gar nicht, wie lecker das ist.
Jetzt wo ich hier in der Abendsonne sitze, hat Baltazar von mir ein bisschen Camembert bekommen. Ich hab ab jetzt einen neuen Freund. Er läuft hinter mir her und mag den Käse offensichtlich. Rechts neben mir liegt der kleine Biberos, eingerollt in einer Sandkuhle. Wir sind zerstochen von den Flöhen, dreckig vom Tierheim, müde aber glücklich.
Es werden übermorgen wieder Hunde ausreisen und es wird weitergehen. Morgen früh um 8 Uhr werden wir eine Besprechung mit der Tierheimleitung haben. Einige Sachen müssen dringend geändert werden und das eben wollen wir im Tierheim erreichen. Es hat sich schon viel geändert, aber das ist noch nicht genug.
Der Bericht ist jetzt fertig, ich habe viele schrecklich Bilder im Kopf, viele traurige Hunde heute gesehen, doch jetzt freue ich mich, denn vor mir, ist ein kleines Gehege, darin sind Mazsola und Prösmeli und sie spielen. Es sind zwei Junghunde, die glücklich in ihrem kleinen Gehege spielen und deren Welt in Ordnung ist. Für alle Hunde in Ungarn sollte die Welt in Ordnung sein.



























