Reisebericht Edith Kniehase
Reisebericht vom 11.12. bis 14.12.08
Es sollte meine erste Fahrt nach Kecskemét werden. Ich hatte unseren Transporter zur Verfügung gestellt. Über 60 Hunde sollten wir aus dem ungarischen Tierheim holen.
Helfen zu können, das war schon ein gutes Gefühl. Doch je näher der Abreisetermin kam, desto unruhiger wurde ich. Ich bekam Angst vor meiner eigenen Courage. Würde ich das, was wir zu sehen bekämen, ertragen können? Meine Sorge war nicht unberechtigt. Aus den Schilderungen von Christine war ich vorbereitet. Was sich mir dann bot, übertraf meine Befürchtungen. Am Donnerstag, den 11. Dezember fuhr ich um 2.30 Uhr am Morgen los. Gegen 4.30 Uhr stand ich auf dem Rastplatz Seevetal an der A7 und erwartete meinen Mitfahrer, den ich bisher nur durch E-Mail-Kontakt bzw. durch Telefongespräche kannte. Ich musste nicht lange warten. Frank kam pünktlich zum Treffpunkt und wir fuhren weiter nach Hildesheim, um dort auf Ina, Steffi und Claudia zu treffen. Von dort ging die Reise mit zwei Transportern in Richtung Süden. Am Abend trafen wir in Kecskemét ein und nach einem ersten Gespräch mit Gabor fielen wir alle völlig erschöpft ins Bett.
Das Frühstück am nächsten Morgen war für 8 Uhr angesetzt und um 9 Uhr waren wir im Tierheim. Ein ohrenbetäubendes Gebell setzte ein, als die Transporter auf das Gelände fuhren. Zusammen mit Frank ging ich durch die Gänge zwischen den Ausläufen. Die Hunde kamen an den Zaun und bettelten um ein wenig Zuneigung, ein kleines Streicheln, eine freundliche Stimme. Mir kamen die Tränen. Diese geschundenen Kreaturen, von Menschen geschlagen, misshandelt, an die Kette gelegt oder einfach vergessen und halb verhungert, kamen tatsächlich an den Zaun und ließen sich anfassen. Und jeder ist auf seine Weise wunderschön. Ich hätte erwartet, dass diese Hunde nie wieder Vertrauen zu einem Menschen haben würden. Aber sie waren dankbar für ein wenig Zuwendung. Für 63 von ihnen sollte sich das Leben jetzt völlig verändern. Immer wieder gab es Momente, in denen ich die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und das Gelände für einen Augenblick verlassen musste, mal allein, mal an Steffis Arm. Zwischen den Hunden in den Ausläufen kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Ein Verhalten, wie es Menschen zeigen, die lange Zeit auf viel zu engem Raum mit vielen Mitgefangenen eingesperrt werden. Hier geht es natürlich auch um das Verteidigen von Ressourcen, z.B. um die viel zu wenigen Hütten. Unter freiem Himmel im Winter ist es in der Nacht sehr kalt und eine Hundehütte gibt Schutz.
Einige Male kamen Menschen und gaben eine Kiste Welpen ab – angeblich gefunden. Einer der Tierheimmitarbeiter kam mit zwei Kaukasen-Welpen. Sie wurden während der Fahrt aus einem vor ihm fahrenden Auto geworfen. Weggeworfen wie Müll! In einem Auslauf lag ein Hund und bewegte sich kaum noch. Er wurde herausgeholt, in ein Kiste gelegt und zugedeckt. Wie er gelebt hatte, so elend starb er auch – ohne Liebe und Fürsorge. Die Transporter mussten mit den Hundeboxen bestückt werden – also erst einmal die Boxen zusammenbauen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die alle in die Transporter passen sollten. Für Ina, Claudia, Steffi und natürlich Gabor war das Packen schon Routine. Gabor wusste: Das passt! Und er behielt Recht. Nach einigem Hin- und Herschieben passte alles zusammen. Die Autos waren fertig. Der Abend kam und wir fuhren ins Hotel zurück, duschten und trafen uns zum Essen. Der nächste Tag sollte anstrengend werden, also ließen wir es nicht zu spät werden.
Am nächsten Morgen war das Frühstück schon für 7 Uhr geplant. Danach kam ein kurzer Besuch der Swiss Ranch. Hier sah alles freundlicher aus. Die Hunde waren besser und liebevoller versorgt. Hier ging es ihnen wesentlich besser. Alles war ruhiger und der Stress für die Tiere lange nicht so groß. Hier hatte also auch meine kleine Betta (inzwischen heißt sie Kis Manó, bedeutet „kleiner Kobold“) auf ihre Abfahrt gewartet. Lange konnten wir uns dort aber nicht aufhalten. Es wartete noch viel Arbeit im Tierheim. Die Boxen mussten noch mit Handtüchern und Decken ausgelegt werden und in jede kamen einige Leckerlis und ein paar Spritzer Pheromone. Alles war genau geplant. Die Tierheimmitarbeiter holten die einzelnen Hunde und dann ging alles ganz schnell. Einer legte den Tieren die Halsbänder um, einer verglich Chipnummern und Impfpässe, jeder Hund bekam noch ein Spot-on-Präparat, ich machte Fotos von allen mitfahrenden Tieren und Frank brachte die Hunde in die Boxen. Langsam wurde es dunkel und auf dem Gelände kehrte Ruhe ein. Wir mussten noch warten bis Gabor mit einer Unterschrift vom Amtstierarzt zurück war. Dann sollte es los gehen.
Gabors Schwester brachte noch den kleinen Fabó. Sie hatte den Welpen zu Hause versorgt. Er sollte auch mitreisen. Ich wollte ihn auf der Fahrt auf dem Schoß halten. Er sollte nicht in eine Box. Einen kleinen Moment musste er noch warten und lag in Decken gewickelt auf dem Fahrersitz. Und plötzlich ging es ihm ganz schlecht. Alles wurde versucht, um diesen kleinen Kerl zu retten. Aber er hatte keine Kraft mehr. Er starb direkt vor unserer Abreise. Wir mussten ohne ihn fahren. Wir konnten die Tränen nicht mehr zurückhalten. So kurz vor einem guten Ende ging er über die Regenbogenbrücke. Ich muss immer an diesen süßen kleinen Kerl und an die Menschen denken, die voller Aufregung gewartet haben auf ihren Welpen. Es tut mir so unendlich leid.
Gegen 17.30 Uhr fuhren wir los. In den Autos kehrte Ruhe ein – die Tiere schliefen. Wir hatten eine lange Rückfahrt vor uns und waren schon seit dem frühen Morgen auf den Beinen. Dann kamen die ersten Übergabestationen. Ich war überwältigt. Die „Adoptiveltern“ standen schon auf den Parkplätzen und warteten auf uns. Sie waren dankbar und freuten sich auf ihre neuen Mitbewohner.
Dieses Glücksgefühl übertrug sich auch auf uns. Zu sehen, wie die Tiere aus ihren Boxen kamen, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben auf Gras standen und trotz aller Quälereien, die sie ertragen mussten, sofort Vertrauen zu ihren neuen Besitzern fassten, war einfach wunderbar. Es wirkte auf mich, als ging ein Ruck durch die dünnen, geschundenen Körper, die Haltung veränderte sich, als wüssten sie: Jetzt wird alles gut. Die neuen Hundebesitzer brachten uns Kaffee, belegte Brötchen und selbstgebackenen Kuchen mit, beschenkten uns mit ganzen Körben voller Leckereien und wünschten uns gute Weiterreise. (Maja, 9 Jahre: Dein selbstgemaltes Bild hängt inzwischen über meinem Schreibtisch und ich schaue es mir immer wieder an.). Ein geschenkter kleine Schutzengel klebt auf dem Armaturenbrett meines Autos.
Aber die Zeit drängte, wir mussten weiter. Die Hunde sollten so schnell wie möglich ans Ziel. Etwa stündlich luden wir jetzt Tiere aus. Die letzte Station war in der Nähe von Schleswig – also für mich schon fast zu Hause.
Es fällt mir schwer, über diese Reise nachzudenken und diesen Bericht zu schreiben. Mir die gemachten Filme anzuschauen, ist mir bis heute noch nicht möglich. Es muss noch ein paar Tage waren. Meine Gedanken sind bei den Zurückgebliebenen.
Da ist der blinde Hund mit dem Tumor auf dem Kopf, der kleine Pinscher, der mit seinem bisschen Fell zitternd im Zwinger liegt. Da ist die ausgemergelte Hündin mit ihren 8 Welpen. Sie liegen in ihrer nassen Hütte. Die kleinen Körper sind nass und in der Nacht sinken die Temperaturen auf den Gefrierpunkt. Sie können das nicht überleben. Da ist die Hündin im großen Außengehege, die von den anderen Hunden ständig gemoppt und bedroht wird. Sie drängt sich in eine Ecke, um wenigsten von einer Seite Schutz zu haben. Da ist die Hündin, die von ihrem Herrchen abgeholt wird. Sie ist ausgerissen. Mit einer unglaublichen Rohheit schleift er dieses Tier zu seinem Auto. Sie will nicht mit. Alles scheint besser zu sein als das Zuhause. Sie versucht sich unter dem Auto zu verstecken. Aber nichts hilft.
Für mich ist auf dieser Reise klar geworden: Nie wieder werde ich mir einen Hund bei einem Züchter holen. Es sitzen Tausende von Tieren in diesen Lagern und warten auf eine Chance auf ein besseres Leben, auf ein wenig Wärme, ein wenig Zärtlichkeit, eine bisschen Ansprache.
Ich sehe meine kleine Kis Manó an. Sie liegt auf meinen Füßen. Ständig sucht sie den Körperkontakt. Ich hatte sie erst vier Tage vor meiner Abfahrt nach Ungarn bekommen. Viel Zeit hatten wir nicht für einander. Aber das holen wir jetzt nach. Bei keinem Züchter der Welt hätte ich einen schöneren, anschmiegsameren Hund bekommen können. Sie verträgt sich wunderbar mit unseren anderen Fellnasen und jetzt langsam wird sie selbstbewusster. Sie beginnt zu spielen und tobt mit unseren anderen Hunden über die Wiese.
Auf diesem Wege möchte ich mich bedanken bei Petra und Jürgen Christensen und Sven Ritter für den Bau der Hundehütten und der tollen Näpfe, die wir mitnehmen konnten, und dem Chef der Firma Eissing, der sofort bereit war, das Holz zur Verfügung zu stellen. Ein herzliches Dankschön der Firma Trixi für die Spenden und den Studenten des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Flensburg und all den anderen Menschen, die Decken und Handtücher brachten und Futter kauften. So waren die Fahrzeuge auf der Hinfahrt gefüllt mit Spenden.
Vielen, vielen Dank.
Edith Kniehase
„Dass einmal das Wort TIERSCHUTZ erfunden werden musste, ist eine der blamabelsten Angelegenheiten der menschlichen Entwicklung“ (Theodor Heuss, erster Bundespräsident Deutschlands 1949 – 1959)

















