Reisebericht Dagmar Sieg
Seit fast drei Jahren fahre ich nun in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen nach Kecskemét, hatte bislang aber nie die Zeit, mir Land und Leute, geschweige denn die Stadt Kecskemét einmal genauer anzuschauen. Der vom Tierheim organisierte „Deutsche Tag“ am 11. Juli bot dafür einen willkommenen Anlass, denn natürlich wollte ich daran gern teilnehmen. Und da mein Mann seinen Widerstand aufgegeben hatte, jemals auch nur einen Fuß ins Tierheim zu setzen, mietete ich eine Tanya (Einödhof) in der Puszta, ca. 35 km von Kecskemét entfernt. In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli machten wir uns auf den Weg nach Ungarn. Nach einem Zwischenstopp bei Kerstin und Fritz in Helvécia, die einige Hunde von uns in Pflege haben, kamen wir in der Dunkelheit in unserem Feriendomizil an. In der Ferne hörten wir Hundegebell, dachten uns aber nichts dabei. Der Schock kam dann am nächsten Morgen. Ausgerechnet auf dem Anrainer-Grundstück war ein Hund angekettet. Wie sich später herausstellte, war das eine Tochter von Morzsi, die ihr Leben lang an der Kette verbracht hat, im hohen Alter von 15 Jahren noch nach Deutschland reisen durfte und kürzlich verstorben ist.
Aber damit nicht genug. Kurze Zeit später entdeckte ich zwei weitere Hunde, die an der Kette hingen. Natürlich bin ich sofort hin und habe mir die Fellnasen angeschaut.
Die kleine Hündin ist wohl erst seit kurzem da. Die Kleine ist klapperdürr und hat als „Schutz“ vor der Witterung lediglich eine halbe verrostete Regentonne, wo sie kaum drunterpasst. Im Sommer wird man darauf Spiegeleier braten können und im Winter… na ja. Der Futternapf war leer, aber sie hatte zumindestens Wasser.
Kettenhund 1 - MyVideo
Gleich daneben war ein Rüde angekettet. Auch hier das gleiche Bild, nur dass seine Tonne noch ganz war. Außerdem lag einige Tage später dort ein vertrockneter Schafskadaver. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, hängt der Rüde schon seit Jugendzeiten dort an der Kette, weil er die Hühner gejagt und Eier geklaut hat.
Kettenhund 2 - MyVideo
Der Sinn dieser Kettenhaltung hat sich mir nicht erschlossen. Die Ziegen und die Hühner können die Hunde nicht beschützen, weil sie viel zu weit entfernt angebunden sind. Und sollten Unbefugte, so wie ich, das nicht eingezäunte Grundstück betreten, und sie das durch Bellen anzeigen, nützt es auch nichts, weil a) die Schäferin nicht direkt daneben wohnt, sondern am Anfang der Sandstraße, sie folglich gar nicht hören kann, und b) in der ganzen Zeit sowieso nie jemand Notiz davon genommen hat.
Hier ist also Überzeugungsarbeit zu leisten und ich werde tun, was ich kann, um dazu mein Scherflein beizutragen.
Die Einwilligung, die Tochter von Morzsi, die wir Tanja genannt haben, abzugeben, hat die Schäferin bereits erteilt. Tanja hat auch schon ein Reiseticket in der Tasche und wird die Stelle ihrer Mutter einnehmen. Dafür ganz lieben Dank an die Adoptantin!
Bleiben aber die beiden anderen Kettenhunde, für die ich mir eine Erlösung aus diesem jämmerlichen Dasein wünsche. Natürlich ist damit zu rechnen, dass sie durch andere Fellnasen ersetzt werden. Aber für diese beiden Seesterne bedeutet es die Welt. Wenn Sie sich also für einen der beiden interessieren, dann setzen Sie sich bitte mit mir in Verbindung.
Vorrangig wichtig ist es, den beiden vernünftige Hundehütten hinzustellen. Wenn Sie dazu einen Beitrag, und sei er auch noch so gering, leisten wollen, dann vermerken Sie als Verwendungszweck bitte „Kettenhunde“.
Kettenhunde - MyVideo
Um die Nerven meines Mannes noch ein wenig zu schonen, haben wir uns am ersten Tag erst einmal nur die Stadt Kecskemét angesehen. Das Rathaus mit seinen verschiedenen Stilrichtungen, die Kirchen, die gepflegten Außenanlagen, flanierende Passanten, Hunde, die ihre Menschen begleiten, überwiegend sogar mit Brustgeschirr, Einkaufsgalerien, wo man alles kaufen kann, was es hier auch so gibt. Von Deichmann über Douglas bis Esprit-Klamotten. In einem unterscheidet sich das Leben in der Stadt aber doch deutlich von unserem: Es geht dort sehr viel weniger hektisch zu. Die Tierheime und natürlich die Tötungsstationen bilden dazu einen krassen Widerspruch.
Kecskemét - MyVideo
Den Abend haben wir dann in meinem Lieblings-Restaurant „Kecskeméti Csarda“ ausklingen lassen.
Am nächsten Tag stand ein Besuch des Tierheims auf dem Programm. Es war erst drei Wochen her, als ich das letzte Mal dort war. Viele der Hunde, die damals noch in der Quarantäne saßen, waren jetzt über die Gehege verteilt. Von den fröhlichen, zutraulichen Fellnasen keine Spur mehr. Bianca, die damals noch ihre Nase durchs Gitter gesteckt hat und sich mit Wonne hat streicheln lassen, saß teilnahmslos in einem Gehege und schaute nur noch traurig. Auch bei den anderen saß der Schock augenscheinlich tief. Faust, der damals im Gehege jedem anderen die Schau gestohlen und sich vor jedes Kameraobjektiv gedrängelt hat, saß in sich gekehrt und stark abgemagert im Einzelzwinger. Leider ist Faust vor wenigen Tagen in Ungarn vermittelt worden. Hoffen wir, dass er es gut getroffen hat.
Die Quarantäne war wieder voll. Wunderschöne und freundliche Hunde, voller Vertrauen und Zuversicht. Eine Hündin hat es mir besonders angetan:
Hündin in der Quarantäne - MyVideo
Neu hinzugekommen war auch eine ganze Gruppe schwarzer Hunde, die offensichtlich von einem Vermehrer kommen und furchtbare Angst vor uns Menschen haben, sowie einige der insgesamt 32 geretteten Labor-Beagle, die sehnsüchtig auf ein wenig menschliche Zuwendung und natürlich ein Zuhause warten.
Labor-Beagle - MyVideo
Momentan wird das Tierheim auch wieder von einer Welpenschwemme heimgesucht. 60 Welpen kämpfen ums Überleben und hoffen auf eine Zukunft. Das Schreien und Jammern der Hundekinder in der Quarantäne war kaum zu ertragen. Meinem Mann hat das endgültig den Rest gegeben. Er wollte nur noch weg.
Welpen - MyVideo
Und natürlich gibt es auch wieder jede Menge unglücklicher Katzenkinder:
Katzenkinder - MyVideo
Für meinen Mann war das alles nur sehr schwer zu ertragen. Und als ich am Montag noch einmal ins Tierheim musste, hat er dankend abgelehnt und ist lieber bei Kerstin und Fritz geblieben.
Am 11. Juli war dann unser „Deutscher Tag“. Es war eine gelungene Veranstaltung, die Lapi dort organisiert hatte. Für jene, die es nicht wissen: Lapi ist von Beruf Kameramann, hat eine Zeitlang die Tierheim-Leitung innegehabt und ist jetzt für die Öffentlichkeitsarbeit im Tierheim zuständig. An diesem Tag sollte als 1.000ter Hund die kleine Minike vermittelt werden. Die Interessenten mussten einen Fragebogen ausfüllen, den wir dann ausgewertet haben. Von den drei Bewerbungen erhielt dann eine Frau den Zuschlag. Bei ihr und ihrem Mann haben Elke, Anna und ich, begleitet von einem Kameramann und einem Reporter, eine Vorkontrolle zu Hause durchgeführt. Alles schien bestens, der Schutzvertrag wurde geschlossen und Minike übergeben. Drei Tage später ist die kleine Maus dann wieder im Tierheim abgegeben worden, weil sie Husten hatte. Meine Kolleginnen haben sie jetzt kurzerhand mit nach Deutschland genommen.
Abends haben wir uns dann alle auf der Swiss Ranch bei Kati und Gabor getroffen und uns den Film angeschaut, den Lapi über uns gedreht hat. Wir waren alle total gerührt und haben uns gefreut, dass Lapi jetzt verstanden hat, warum wir das alles machen.
Der Urlaub war leider viel zu kurz und auch nicht wirklich erholsam, weil wir doch ein ziemlich volles Programm hatten: Wir haben beim Totengräber von Jakabszallas einige Weinproben ;-) gemacht, sind mit der Pferdekutsche durch die Puszta gefahren, mit einer Cessna darüber geflogen, sind von Einheimischen als die „deutschen Freunde“ zum Pallatschinken-Essen eingeladen worden und haben die Erkenntnis gewonnen, dass es mittlerweile sehr viel weniger Kettenhunde denn frei in den Gärten herumlaufende Hunde gibt und dass eine Gartenhaltung in Ungarn wegen der Kriminalität (gerade die Zigeuner stellen dort wohl eine Gefahr dar) durchaus zu akzeptieren ist. Und natürlich habe ich „meine“ Hunde bei Kerstin und Fritz besucht: Elza, Filou, Buddy und Tabby.
Es scheint sich in den vergangenen 2 ½ Jahren sehr viel getan zu haben. Und ich denke, dass die PHU daran einen nicht geringen Anteil hat. Die „Pfotenhilfe“ hat in und um Kecskemét schon einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erreicht. Darauf bin ich sehr stolz. Es bewegt sich etwas. Auch auf politischer Ebene. Aber bis zum Optimum ist es noch ein weiter Weg.
Überall auf der Welt gibt es Leid und Elend. Ich habe mich entschieden, den Weg in Ungarn weiterzugehen und mich dafür einzusetzen, dass es "meinen" Hunden dort irgendwann einmal besser geht.






