Reisebericht Regina Kubiak-Heutling
Am 22.06.07 früh um 1.30 Uhr machten sich Dagmar und Claudia auf den Weg mit einem voll Spenden beladenen Lieferwagen und fuhren die ersten knapp 500 km zu zweit, bis sie mich in der Nähe von Kassel einsammelten.
Meine Feuertaufe begann damit, dass ich sofort das Steuer übernehmen durfte und die beiden erst mal ein wohlverdientes Päuschen machen konnten.
An der Raststätte Riedener Wald nahmen wir eine ganz Kombiladung voll weiterer Spenden mit auf, und dann ging es schnurstracks Richtung Ungarn.
Die Fahrt verlief problemlos. Wir kamen gut voran und auch die Grenzen passierten wir ohne Schwierigkeiten. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto wärmer wurde es.
Unser erstes Ziel war Marina, die Retterin meiner Hündin Lolly (Tierschutzverein Bubastis). Von dort sollten wir einen Dackelmischling mitnehmen, den Marina kurz zuvor aufgenommen hatte, um ihn vor einem schlimmen Schicksal zu bewahren. Außerdem wollten wir uns schon mal die 10 Welpen ansehen, die am nächsten Tag mit uns nach Deutschland reisen sollten. Marina hatte sie aus der Tötungsstation geholt, in der Hoffnung, dass die Süßen ganz schnell liebe Besitzer in Deutschland finden.
Wir tranken leckeren Kaffee und lernten einige von Marinas Schützlingen kennen. Der schöne Rehbock verhinderte allerdings, dass wir uns unbefangen bewegen konnten, da er zur Zeit sehr angriffslustig war. So konnten wir nur unter Marinas Geleitschutz den Garten durchqueren und beschränkten uns darauf die Kätzchen und die Hunde zu knuddeln. Auch das lustige Hängebauchschwein schien nicht so gut gelaunt, so dass wir uns auf ein freundliches Zuwinken beschränkten. Aber das süße Rehkitz, den kleinen Antonius konnten wir alle mal gefahrlos streicheln. Der süße Dackelmix stieg also als erster Fahrgast in unseren Wagen. Wir nannten ihn spontan Heinzi und bewunderten seine Ruhe in der Box. Leider wussten wir, dass sein Ziel nun erst mal das Tierheim sein würde, und er noch nicht mit nach Deutschland kommen kann.
In Kecskemét angekommen, trafen wir uns mit Gabor (unserem Mann in Ungarn, ohne den wir wirklich aufgeschmissen wären), der uns zum Hotel eskortierte. Gabor nahm Heinzi erst mal mit nach Hause, weil wir ihn sonst im Lieferwagen hätten lassen müssen. Danke Gabor für die spontane und unkomplizierte Hilfe.
Wir ließen den Abend ausklingen und fielen total erledigt in die Hotelbetten. Morgens brachen wir zeitig auf, um ins Tierheim zu fahren. Wir hatten eine Menge vor uns.
Als wir im Tierheim ankamen wurden wir sehr freundlich von den Pflegern empfangen. Dagmar und Claudia waren nicht das erste Mal dort, deshalb überwältigte sie der Anblick der Hunde nicht mehr ganz so sehr wie mich.
Anfangs konnte ich nur auf die großen Gehege starren. Schon von Weitem sah ich die vielen Augenpaare die voller Hoffnung und Aufregung schauten. Ich brauchte eine ganze Weile um die Eindrücke zu verkraften und zu sortieren. Ich war fast froh, dass ich schnell eine Aufgabe hatte und erst mal half, die 3 Labbi-Welpen von Gabor in einen Zwinger zu bringen und dadurch noch mal eine Schonzeit erhielt, bevor es zur ersten Besichtigung im Tierheim ging.
Ich bemühte mich krampfhaft darum die Fassung zu bewahren und scheiterte kläglich. Als ich ans erste große Gehege kam, einige Hunde aus meiner Vermittlung erkannte und in ihre traurigen, teilweise verzweifelten und hilflosen Augen blickte, konnte ich mich nicht mehr beherrschen und die Tränen flossen einfach wie sie kamen. Ich sah verwundete Haut, Bissverletzungen, apathische, verzweifelte Tiere, um Aufmerksamkeit bettelnde, aufdringliche, zurückhaltende... viele Augenpaare die ich nie wieder vergessen werde.
Viele Pfoten und Nasen, Körper die sich ans Gitter pressten, in der Hoffnung, dass sie gestreichelt werden. Gedrängel und Eifersucht am Gitter, jeder Streichler ist so enorm wichtig. Und ganz hinten, kaum zu entdecken, lagen die Scheuen, die Ängstlichen, die die sich aufgegeben haben, die nicht mehr nach vorne kommen. Hunde in allen Größen, kurzhaarige, langhaarige, bunte, helle und dunkle. Gemischte Schönheiten, Rassehunde, skurrile Mixe, wie der unglaubliche Huskymischling mit dem gigantischen Überbiss, der ihn so sympathisch macht. Selbst edle Rassen sind vertreten, wir sehen einen Tervueren, einen Komondor, vielleicht einen Beauceron, einen Pudel, und und und. Die schönsten und die originellsten Mixe. Es ist nicht zu glauben, welche wunderbaren Hunde hier auf ein Zuhause warten. Betraten wir ein Gehege, scharten sich viele um uns und betteln um Zuneigung. Es bricht einem das Herz, diese vielen Seelen zu sehen, für die es so wenig Hoffnung zu geben scheint.
Die medizinische Versorgung ist leider noch lange nicht gesichert. Hunde mit starken Hauterkrankungen, blutende Verletzungen, schmerzhafte rheumatische Erkrankungen, Arthrose, schlecht verheilte Knochenbrüche, Allergien, Augenentzündungen usw. all das begegnet einem beim Blick in die Gehege. Ich musste an meine Hunde zuhause denken, wie sie geborgen und geliebt in ihren schönen Hundebetten liegen, und wünschte mir, dass es diesen Hunden genauso, oder zumindest annähernd so gehen würde.
In einem kleinen Holzhäuschen hinter einem Gitter entdeckten wir winzige Welpen, die eigentlich mit der Flasche und Spezialnahrung aufgepäppelt werden mussten. Einer davon war mehr tot als lebendig. Eine atmende Hülle, völlig ausgetrocknet, zu schwach zum Wimmern. Dieses Baby hatte keine Chance, das sah selbst ein Laie. Wir fragten entsetzt, warum der Kleine nicht erlöst würde, und bekamen die traurige ernüchternde Antwort, dass kein Geld für das Einschläfern zur Verfügung stehe.
Beim Rundgang sah ich eine blonde Hündin, die so unsagbar traurig schaute, dass es kaum zu ertragen war. Ich blieb an ihrem Blick kleben. Plötzlich entdeckte Dagmar in ihrem Körbchen den abgebissenen Kopf ihres Welpen. Wir waren beide völlig erschrocken und kurzfristig total erstarrt.. Die traurige Hündin hatte ihr eigenes Junges gefressen. Wie verzweifelt muss ein Tier sein, wenn es so etwas tut?
Beim Versuch einen Hund zu fotografieren, lösten wir unbeabsichtigt eine Eifersuchtsreaktion unter den Hunden aus. Alle drängelten nach vorne und wollten beachtet werden. In dem Gedränge gerieten plötzlich einige Hunde ernsthaft aneinander, so dass sie getrennt werden mussten.
Der Stress, dem die Hunde ausgesetzt sind, ist enorm hoch. So viele, so unterschiedliche Hunde auf engstem Raum, da wundert es nicht, dass man immer wieder hört, wie ein Hund in Angst oder auch vor Schmerz aufschreit. Manchmal sieht man aber auch wie Hunde sich aneinanderkuscheln und sich einen gegrabenen Schlafplatz miteinander teilen.
Es hat sich schon viel getan, erzählt man mir, die Gehege wurden verkleinert, es wurden kleine Schattenplätze geschaffen. Ein engmaschiges Gitter wurde angebracht, damit die Welpen sich nicht verletzen können und nicht in die Gehege der großen Hunde laufen. Kleine Schritte auf einem weiten Weg, aber Stück für Stück wird es sich verbessern, dafür setzen wir uns ein, und das ist jede Strapaze wert.
Nachdem wir alles gesehen hatten, luden wir die Spenden aus. Die körperliche Arbeit tat trotz der Hitze gut, weil man das Gefühl hatte wirklich etwas tun zu können. Wir bildeten eine Kette mit den Tierpflegern und warfen uns gegenseitig die Futtersäcke zu, bis sie im Lagerraum gestapelt werden konnten. Schade, dass es davon kein Bild gibt, denn bei dieser Arbeit wurde besonders deutlich demonstriert, dass wir Hand in Hand arbeiten müssen, um zum gemeinsamen Ziel zu kommen. Danach wurden alle von Attila mit Essen und Trinken versorgt und nach einer kurzen Pause begann die Montage der Boxen.
Dagmar und ich verteilten Körbchen und für die Welpen Spielsachen, die sie begeistert annahmen. Der Anblick der sorglos spielenden Welpen tat so gut und rührte uns sehr.
Nachdem Gabor und Attila und einige andere Helfer die Boxen zusammengebaut hatten, wurden sie im Lieferwagen angeordnet und fest verschnürt. Wir bestückten sie mit Hüllen in denen sich der Steckbrief und später der EU-Ausweis befinden würde. Immer wieder mussten wir umdisponieren, weil irgendwie nicht alle Hunde untergebracht werden konnten. Aber auf gar keinen Fall wollten wir einen der 28 Hunde dort lassen. Nach vielem Hin und Her passte endlich alles und die ideale Boxenbesetzung war gefunden.
Die junge engagierte Tierpflegerin hatte unsere Listen, auf denen wir Hunde, zu denen es Fragen gab, oder die fotografiert werden sollten, gleich zu Anfang mitgenommen, und jeden einzelnen Hund gesucht und sich Notizen dazu gemacht. Gemeinsam zogen wir dann erneut durchs Tierheim und die Pflegerin zeigte uns die entsprechenden Hunde und holte sie zum Teil ans Gitter, damit wir sie genauer betrachten und fotografieren konnten.
Dann wurde es allerhöchste Zeit die Hunde in die Boxen zu bringen, denn unsere Abreise stand kurz bevor.
Die kleine Ibi, die einäugige Pekinesenmixin und ein brauner schöner Mix, der für Perrera mitfahren sollte, waren inzwischen ins Tierheim gebracht worden.
Als endlich alle Hunde verstaut waren, wurden wir ganz lieb von allen Helfern und Mitarbeitern im Tierheim verabschiedet. Vorher hatte uns Attila jedem ein T-Shirt vom Tierheim geschenkt, was uns sehr gefreut hat.
Unsere lange Heimfahrt begann um ca. 17.00 Uhr. Unterwegs sammelten wir ÖMV vom Tierheim Belfegor ein. Dann stiegen noch die 10 Welpen von Marina zu und wir fuhren mit insgesamt 28 Hunden in Richtung Deutschland.
Etwas unfreiwillig genossen wir noch eine kleine Stadtrundfahrt durch Wien, weil uns unser Navi unbedingt zu ein wenig Kultur verhelfen wollte und meinte, wir sollten die Stadtautobahn verlassen und lieber einmal die prächtigen Bauwerke Wiens bestaunen.
Die Fahrt endete für mich morgens um ca. 6 Uhr auf der Höhe Fulda. Zwei der Welpen von Marina fuhren mit mir (mein Mann Jens kam mir mit dem Auto entgegen) und wir brachten die Kleinen zu einer Bekannten, die sie einen Tag und eine Nacht betreuen würde, bevor sie in ihre Pflegestellen bei einem befreundeten Tierschutzverein gebracht werden konnten.
Dagmar und Claudia fuhren alleine weiter und kamen einige Stunden später gut zuhause an.
Die Eindrücke in Ungarn haben mich sehr bewegt und mir ist nun noch klarer als vorher, dass hier Hilfe dringend notwendig ist. Tierschutz darf nicht an irgendeiner Grenze aufhören. Wir müssen alles dafür tun, dass die Verhältnisse sich ändern, und dass Tiere mit Respekt behandelt werden.
Wir müssen helfen die Bedingungen vor Ort zu verbessern und Bewusstsein schaffen für einen artgerechten Umgang. Und mit jedem Hund, dem wir zu einer schönen Zukunft verhelfen, haben wir einen kleinen Beitrag geleistet, der alle Mühe wert ist!






















