Reisebericht Stefanie Söchtig
Reisebericht vom 29.05. bis 01.06.08
Am Mittwoch, den 28.5.08 packte ich meinen Koffer und machte mich auf den Weg nach Hildesheim. Von dort sollte mich Dagmar und Ralf am nächsten Morgen abholen, damit wir gemeinsam die lange Reise nach Ungarn antreten konnten. Für mich sollte es de 5te Fahrt werden und, was ich noch nicht ahnen konnte, für mich die bisher schlimmste Tour.
Aber von Vorne: Pünktlich um 7 Uhr trafen wir uns an der Raststätte in Hildesheim. Dagmar und Ralf waren zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als drei Stunden unterwegs, sodass ich erstmal das Steuer übernahm. Unsere Fahrt sollte diesmal wieder über Simasag führen, wo wir Marina den von Dr. Jansen gespendeten Beistelltisch und weitere Spenden übergeben wollten. An dieser Stelle herzlichen dank an Dr. Jansen und die anderen Spender.
Nach einigen Verkehrsbehinderungen und einem Stau bei Wien, kamen gegen 19 Uhr dann endlich bei Marina an und trafen dort auch auf Elke, die ein paar Tage Urlaub in Ungarn verbracht hat und uns natürlich während unseres Aufenthalts tatkräftig unterstützen wollte.
Wir nutzten die Zeit bei Marina, um uns etwas zu erholen und uns die Tiere dort anzusehen, bevor wir dann gegen 21 Uhr die letzten 300 km bis nach Kecskemét in Angriff nahmen. Gegen 0.30 Uhr kamen wir reichlich erschöpft im Hotel an und sind ganz schnell in unseren Betten verschwunden.
Am nächsten Morgen ging es dann nach einem kleinen Frühstück ins Tierheim. Grade dieser erste Tag ist für uns immer sehr aufregend, wissen wir doch nie, was uns erwartet! Bei unserer Ankunft im Tierheim wurden wir von den Mitarbeitern herzlich begrüßt und erstmal mit Kaffee versorgt.
Wie bei jeder Tour, erhob sich ein ohrenbetäubendes Gebell, als Ralf unseren Transporter auf das Tierheim-Gelände fuhr. Es scheint immer, als wenn die Hunde genau wüssten, dass bald wieder einige von ihnen auf die Reise in ein besseres Leben gehen würden. Und dann machten wir uns auf und starteten einen ersten Rundgang. Mein erster Weg führte mich in die Krankenstation, wo ich einige von den Hunden vermutete, die wir mitnehmen würden. Und so war es auch. Ich fand Bajszi und Nika, die erwartungsvoll am Gitter ihrer Box standen, und auch Sellö, Nauzi, Aprilis, Zseda und die kleine Zebra waren dort. Zebra saß mit den anderen in einer Box und spitze die Ohren. Ganz so, als wenn sie sagen wollte: “ Ich bin hier und warte, bis es los geht. Vergesst mich nur nicht!“
Die kleine Maus hat solange gewartet und wir alle haben uns so gefreut, dass sie nun auch endlich ein Zuhause bekommen sollte.
Gleich vorne auf dem Gelände machte uns ein Anblick das erste Mal sprachlos: in einem rostigen Drahtkäfig befanden sich 8 winzige Welpen. Nicki berichtete uns, dass sie grade am Vortag mitten in Kecskemét in einem Pappkarton gefunden wurden. Die Kleinen waren nicht älter als 5 Wochen. Unsere Frage, warum sie in diesem Käfig waren und nicht im Welpenhaus oder der Krankenstation, konnten wir uns nach kurzer Zeit selber beantworten. Sowohl im Welpenhaus, wie auch in der Krankenstation war kein Platz mehr. Überall, wo wir hinsahen, befanden sich Hundemütter mit ihren Welpen. Die Welpen, die schon etwas größer waren, waren in 2 Zwingern untergebracht.
Und auch sonst waren die Gehege wiedermal überfüllt mit Hunden. Viele erkannten wir wieder: entweder von den Bildern, aber auch von unseren letzten Besuchen.
Überall in den Gehegen befanden sich Buddellöcher, in die sich einige Hunde zurückgezogen haben. Teils, weil sie dort einfach mehr Ruhe hatten, aber auch um der Hitze zu entfliehen. Wir hatten an diesem Tag 30 Grad im Schatten.
Mehrmals täglich gehen die Mitarbeiter mit Gartenschläuchen durch das Tierheim und spritzen Wasser auf den ausgetrockneten Boden und die Dächer der Unterstände, um den Hunden etwas Erfrischung zu bereiten.
Wenn man sich die Wassertröge ansieht, weiß man sofort, dass es immer noch an den wichtigsten Dingen fehlt. Noch immer sind es rostige Tröge, in denen aus frischem Wasser innerhalb kürzester Zeit eine braune Brühe wird. Und auch die Futtertröge sehen nicht besser aus. Da ständig Futterknappheit herrscht, wird Futter, welches in den Trögen übrig bleibt nicht weggeworfen. Ich denke, ich muss nicht näher beschreiben, wie es nach stundenlanger Sonnenbestrahlung aussieht.
Die kleinen Welpen in dem Drahtkäfig bekamen große Stücke Paprika-Salami, welche sie gar nicht fressen konnten. Sei begannen nach einer Weile zu schreien, weil sie Hunger hatten und versuchten, aus ihrem Gefängnis herauszukommen.
Nach dem ersten Rundgang durch die Gehege und das Welpenhaus, beschlossen Dagmar und ich nun die Quarantäne-Station zu besichtigen. Auch hier waren alle Zwinger belegt, teilweise mit zwei Hunden. Und auch hier fanden wir Welpen, jedoch ohne Mutter. Also wieder verwaiste Hundebabys, die man einfach entsorgt hatte.
Ich wollte unbedingt eine kleine Hündin besuchen, von der ich wusste, dass sie Welpen hatte und ich wurde mit Nicky´s Hilfe schnell fündig: die kleine Panna saß in einem Einzelzwinger. Ihre Welpen befanden sich in einer Holzhütte, die darin aufgestellt war. Beim Blick in die Hütte sah ich schnell, dass einer ihrer Welpen etwas abseits lag und sich nicht mehr bewegte. Als ich den Zwinger daraufhin betrat und einige lose Bretter des Hüttendachs beiseite schob, bestätigte sich, was ich vermutet hatte: der Welpe war tot. Ich nahm ihn aus der Hütte und Nicky brachte ihn weg. Die restlichen Welpen lebten, lagen jedoch auf dem blanken Holz. Die zwei Tücher, die noch dort lagen, waren völlig durchnässt und auch die Welpen fühlten sich feucht an. Dagmar half mir, die Kleinen auf frische Handtücher zu legen, mit denen wir die ganze Hütte auslegten. Panna wartete die ganze Zeit geduldig davor, bis wir fertig waren.
Eigentlich war ich diesmal mit der festen Überzeugung nach Ungarn gekommen, keinen Pflegehund mit nach Hause zu bringen, so wie es die letzten Fahrten der Fall war. Trotzdem entschloss ich mich, nachdem ich gesehen hatte, wie viele Welpen im Tierheim waren, doch wieder Pflegestelle zu machen und wenigstens zwei Welpen mitzunehmen. Bei der Vielzahl der Kleinen wohl ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber immerhin etwas. Auch Elke war schnell entschlossen dabei und entschied sich für einen ganzen Wurf Welpen. Ich entschied mich für zwei schwarze, kleine Pumi-Mix-Welpen, die, ebenso wie der Wurf von Elke, glücklicherweise die nötigen Impfungen hatten.
Die Männer hatten inzwischen die Spenden ausgeladen und die Boxen und Käfige aufgebaut. Diese galt es so in den Transporter zu stellen, dass für alle Hunde, die reisen sollten, eine entsprechende Box im Auto war. Wie immer, war hier Gabor gefragt, der jedes Mal kopfschüttelnd dasteht und uns vorwurfsvoll fragt, wie wir uns das wohl wieder gedacht haben, wenn jetzt noch Hunde, die nicht geplant waren, mitreisen sollen. Und wie immer können wir uns darauf verlassen, dass er das schon richten wird. Auch dieses mal bewies Gabor sein Talent beim Beladen des Transporters.
Der Freitag verging rasch und ehe wir uns versahen, war es fast Abend. Wir verliessen das Tierheim und fuhren zurück ins Hotel. Allesamt sehnten wir uns nach einer Dusche und ein wenig Ruhe.
Gegen 20 Uhr waren wir mit Gabor und seiner Frau Bea verabredet, um gemeinsam etwas zu essen und noch ein wenig zu erzählen. Wieder im Hotel, fielen wir erschöpft in unsere Betten.
Ich, für meinen Teil, brauchte eine Weile, um endlich einschlafen zu können, denn die Bilder des Tages geisterten mir noch eine ganze Zeit durch den Kopf.
Der Samstag kam und wir, das waren jetzt Dagmar, Ralf, Elke und ich, trafen uns pünktlich zum Frühstück. Leicht gestärkt verließen wir mit unserem Gepäck das Hotel und fuhren zum Tierheim. Bevor wir abreisen konnten, war doch noch einiges zu erledigen. Dagmar und ich wollten noch mal rumgehen, um zwei Welpen auszusuchen, die zu Christine in pflege sollten. Wir begannen an dem Zwinger, in dem einer meiner Pflegewelpen saß und ich war sehr erschrocken, denn von dem kleinen Borsó war nichts zu sehen. Ich fand ihn reglos in der Hundehütte. Schnell riefen wir den mit Gabor befreundeten Tierarzt, der ebenfalls ins Tierheim gekommen war, um einen weiteren kranken Hund anzusehen. Dieser stellte fest, das Borsó völlig dehydriert war. Wir brachten den Kleinen ins Arztzimmer, wo er zunächst einmal Flüssigkeit gespritzt bekam. Diese Prozedur sollten wir nun alle 2-3 Stunden wiederholen, in der Hoffnung, dass er sich wieder erholt. Borsó blieb im Arztzimmer in einer Box und regelmäßig schaute jemand von uns nach ihm.
Aber das Schicksal wollte es anders: kurz bevor Borsó die dritte Spritze bekommen sollte, rief mich Kati ins Arztzimmer. Borsó lag auf der Seite und atmete nur noch ganz flach. Elke, die, ebenso wie Dagmar, hinzu kam, begann gleich den kleinen Kerl zu massieren. Dagmar rieb ihn mit einem feuchten Tuch ab und wir versorgten ihn noch mal mit Flüssigkeit. Gabor, der in diesem Moment eh auf dem Weg zum Tierarzt war, wurde angerufen. Er sollte, wenn irgend möglich, ein Kreislaufmedikament mitbringen und so schnell er kann zurückkommen.
Doch es sollte nicht sein: Borsó hatte wohl keine Kraft mehr. Sein Kreislauf ist völlig zusammengebrochen. Wir konnten ihm nicht helfen. Uns blieb nur noch, in seinen letzten Lebensminuten bei ihm zu sein und ihn zu streicheln und mit ihm zu reden, bis er seinen Weg über die Regenbogenbrücke antrat. Und wir haben ihm noch ein Versprechen gegeben: sein kleiner Körper sollte nicht irgendwo einfach entsorgt werden, sondern würdig begraben werden.
Wir legten ihn also auf eine weiche Decke in ein kleines Körbchen und Elke nahm ihn so später mit zu Kati, die uns erlaubt hatte, Borsó auf ihrem Grundstück zu begraben.
Jetzt, fast sechs Wochen später, denke ich immer noch oft an Borsó. Ich versuche mir vorzustellen, wie groß er jetzt wohl wäre und ob er vielleicht sogar schon ein eigenes Zuhause gefunden hätte. Dieses Erlebnis ist eins von der Sorte, die sich ganz tief in mein Gedächtnis gegraben hat. Eine traurige Erinnerung, die mir immer wieder bewusst macht, warum ich, und auch meine Team-Kolleginnen immer wieder diese Strapazen auf uns nehmen. Denn es sind noch so viele Borsó´s dort, deren Tod einfach sinnlos erscheint und denen wir mit relativ einfachen Mitteln helfen könnten.
Nach so einem Erlebnis dann weiter zu machen, ist nicht leicht. Aber in den Gehegen und Zwingern warteten die Hunde, die mit uns in ihr neues Zuhause reisen sollten und für sie wurde es nun wirklich Zeit in die Boxen zu steigen. Das ist jedes Mal ein sehr aufregender Moment, sowohl für uns, als auch für das Team des Tierheims und erst recht für die Hunde. Wir immer, wenn ein Hund durch die Gänge des Tierheims nach vorne geholt wird, erhob sich ein ohrenbetäubender Lärm, weil alle anderen Hunde in lautes Gebell verfielen. Und auch dieses Mal war es für mich und bestimmt auch für alle anderen des Teams, als wenn sie uns sagen wollten, dass wir sie nicht vergessen sollen.
So wurde ein Hund nach dem anderen von Nicky, Papa, Angela und Bernadette geholt. Halsband umlegen, Chipnummer ablesen und mit der Nummer im Pass vergleichen und dann in die Box setzen. Wieder waren Hunde dabei, die dem ungarischen Team sehr ans Herz gewachsen waren und die unter Tränen und mit lieben Worten und einem letzten Streicheln verabschiedet wurden.
Bald waren alle Hunde im Transporter und auch wir verabschiedeten uns mit Tränen in den Augen von den Menschen, die im Tierheim jeden Tag aufs Neue alles Mögliche tun, damit es den Hunden gut geht, nicht, ohne fest zu versprechen, bald wieder zu kommen. So fuhren wir ab.
Die letzten Hunde, die noch reisen sollten, waren bei Gabor und Kati auf der Ranch. Sowohl Vida, als auch Felix und der blinde Schäferhund Benö mussten noch ihre Plätze im Transporter einnehmen, bevor Dagmar, Ralf und ich uns endgültig auf die Rückreise nach Deutschland machen konnten. Elke wollte noch ein paar Tage in Ungarn bleiben.
Während der ersten halben Stunde war es noch sehr unruhig im Transporter. Die kleine Vida wollte überhaupt nicht einsehen, dass sie in ihrer Box sitzen sollte und protestierte lautstark. So hielten wir nach kurzer Zeit erst einmal wieder an, um sie etwas zu beruhigen und nutzten die Gelegenheit auch gleich, um nach der alten Collie-Hündin zu sehen und den Hunden Wasser anzubieten. Es war, obwohl inzwischen Abend, immer noch sehr warm.
Durch Vida angesteckt, maulte auch die kleinste Fellnase, Lucky, in ihrer Box und wir beschlossen, die kleine Mini-Maus, die an Borsó´s Stelle mit zu mir in Pflege sollte, für eine Weile zu uns nach vorne zu holen.
Lucky fand das total spannend und so saß der Zwerg mit gespitzten Ohren auf unserem Schoß und bestaunte die Welt, die draußen an uns vorbei zog. Bevor sie sich zum schlafen zusammenrollte, verewigte sie sich mit einem warmen Bächlein auf Ralf´s Hosenbein. Dagmar und ich mussten herzlich lachen und Ralf trug es mit Fassung.
So kamen wir gut voran. Immer wieder kleine Pausen, um die Hunde zu tränken und während der Fahrt stets ein Ohr hinten bei den Hunden, um sicher zu sein, dass es ihnen allen gut geht. Es war Ruhe eingekehrt und die Hunde lagen in ihren Boxen und schliefen.
Nach Mitternacht erreichten wir mit Verspätung den ersten Übergabeort, wo wir schon sehnsüchtig von einigen aufgeregten Übernehmern erwartet wurden. Diese Übergaben gehören, und da spreche ich für uns alle, zu den schönen Momenten unserer Arbeit und sie sorgen dafür, dass man die lange Fahrt durchhält. So kam eine Übergabe nach der anderen. Immer wieder flossen dabei ein paar Tränen. Sowohl bei uns, als auch bei den frisch gebackenen Hundeeltern, die oft lange und voller Bangen auf ihre neuen Familienmitglieder warten.
Wie bei den letzten Fahrten auch, war in Hannover dann für mich Endstation. Mein Mann Jörg erwartete mich bereits und war gespannt, welche Fellbündel ich ihm dieses Mal in den Arm gebe. Ich verabschiedete mich von Dagmar und Ralf, die noch 350 km, einige Übergaben und leider auch bei Hamburg einen Stau vor sich hatten.
Mein erster Reisebericht vom November begann und endete mit dem Satz: ich sitze hier in meiner warmen Stube………! Dieser Bericht endet etwas anders: Ich sitze hier in meiner kühlen Stube und bin in Gedanken bei all den Hunden im Tierheim, die der Hitze des ungarischen Sommer kaum entfliehen können. Ich, wir Alle, haben ihnen versprochen, wieder zu kommen, weiter zu machen und nicht aufzugeben.
Und ich hoffe und wünsche, dass wir auch weiterhin viele liebe Menschen finden, die uns dabei helfen, unser Versprechen zu halten und mit uns dafür sorgen und kämpfen, dass für noch ganz viele Hunde ein neues Leben beginnen kann.
Alle Bilder dieser Fahrt finden Sie hier
Stefanie Söchtig






















