Reisebericht Stefanie Söchtig
Reisebericht vom 22.11. bis 25.11.07
Ich sitze hier in meiner warmen Stube und sehe ,wenn ich die Augen schliesse, das Tierheim in Kecskemét vor mir, was ich auf dieser Fahrt zum ersten Mal betreten habe. Die Eindrücke, die ich dort gewonnen habe, haben sich tief in mein Gedächtnis gegraben und ich brauchte ein paar Tage, um annähernd zu verarbeiten, was ich dort erlebt habe. Zwar wusste ich von den schlechten Zuständen dort, aber die Bilder, die ich hatte, haben lange noch nicht das widergespiegelt, was dort Realität ist.
Aber ich will von vorne beginnen.
Auf diesem Transport sollten 61 Hunde mit uns nach Deutschland reisen. 16 Welpen vom Tierschutzverein Bubastis, 2 Hunde aus Belfegor , 3 Hunde von Perrera und 40 Hunde aus unserem Tierheim in Kecskemét. Am 21.11. trafen sich Elke, Rosi und Birgit bei mir in Gifhorn, um am nächsten Morgen gegen 6.30 Uhr die Fahrt anzutreten.
Weil so viele Hunde reisen sollten, sind wir diesmal mit 2 Fahrzeugen gestartet. Beide Autos waren, dank vieler lieber Menschen, bis zum Dach mit Spenden gefüllt. Unterwegs waren noch einige Spenden einzusammeln, bis wir Kassel erreichten, wo Regina dann zustieg. Noch in Deutschland erreichte uns ein Anruf von Marina, dass 2 der Welpen, die wir mitnehmen wollten an Parvo erkrankt sind.
Wir waren sehr erschüttert darüber, denn das bedeutete, dass wir keinen ihrer Welpen mitnehmen konnten. Mit an Bord war das, von Dr. Eger aus Harrislee gespendete Röntgengerät, welches wir dem Tierarzt vom TSV Bubastis bringen wollten. Auch an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an Dr. Eger. Wir kamen gegen 20.30 Uhr an unserem ersten Ziel an und übergaben das schwere Gerät.
Dann ging es zu Marina! Durch die Parvovirose haben wir es vermieden, ihr Grundstück zu betreten. Marina war sehr niedergeschlagen . Hatte sie doch, ebenso wie wir, gehofft, dass ihre Schützlinge bald gesund und munter ein neues Zuhause haben würden. Marina hatte kartonweise gespendete Hundewurst für uns, die es nun galt, in die Fahrzeuge zu bekommen, damit wir unsere Fahrt fortsetzen konnten.
Kurz nach Mitternacht erreichten wir dann relativ erschöpft das Hotel in Kecskemét, wo wir schnell in unseren Betten verschwunden sind, denn am nächsten Morgen wollten wir zeitig im Tierheim sein. Um 9 Uhr am nächsten Tag betrat ich also dann zum ersten Mal den Ort, den ich vorher nur von Fotos kannte.
Das Tierheim ist zur Zeit mit über 200 Hunden hoffnungslos überfüllt. Nach einer kurzen Begrüßung durch den neuen Leiter, starteten wir unseren ersten Rundgang. Die Hunde waren in heller Aufregung ob der Besucher, die durch die Gehege gingen und es entstand ein ohrenbetäubender Lärm. Viele Hundenasen drängten sich an die Gitter der Gehege und Zwinger und bettelten um Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten.
Der Lärm und der Gestank sind kaum mit Worten zu beschreiben. Ich war wie zugeschnürt und kämpfte mühsam mit den Tränen. Birgit, die wie ich, zum ersten Mal hier war, ging es nicht anders und selbst Elke, Regina und Rosi, für die das nicht der erste Besuch war, kämpften um Beherrschung. Das übertraf meine Vorstellungskraft um ein Vielfaches.
Wo ich auch hinsah, waren Hunde. Überall blickten mir traurige Augen entgegen. Einige lagen teilnahmslos in ihren Hütten, andere bellten aufgeregt und es kam mir vor, als riefen sie alle: “Hol mich hier raus“. Überall in den Gehegen lag Hundekot und immer noch ist in den Tränken braune Brühe. Die Mitarbeiter im Tierheim sind einfach zu wenige, als dass sie diese viele Arbeit ordentlich bewältigen könnten.
In dem einzigen festen Gebäude befindet sich das so genannte „Arztzimmer“. Wer nun denkt, wenigstens dort herrsche Sauberkeit, liegt völlig daneben. Hier herrschen nicht mal annähernd so was wie hygienische Verhältnisse. Dennoch werden dort Tiere mit offenen Wunden behandelt. In dem kleinen Raum vor dem Arztzimmer stand auf dem Boden eine Gitterbox.
Wir mussten 2mal hinsehen, bevor wir unter einem Kissen versteckt, einen kleinen Welpen entdeckten, der mehr tot, als lebendig war. Er hatte kahle Stellen am ganzen Körper und man konnte nur schwer erkennen, dass er noch am Leben war. Eine lebendige Hülle! Wir haben inständig darum gebeten, dass das Kleine erlöst wird und wir hoffen und beten, dass das inzwischen auch geschehen ist und der arme Hund nicht mehr leiden muss.
Der Rundgang führte uns zum deutschen Zwinger. Dort sind die Hunde untergebracht, die wir zuvor reserviert hatten und die mit uns in ihr neues Zuhause kommen sollten. Auch hier waren viel zu viele Tiere in den Gehegen untergebracht. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein kleines Gehege mit den alten Hunden.
Regina ist gleich dorthin und hat zusammen mit Kati, die in der Zwischenzeit eingetroffen war, dort nach einem Hund geschaut, den wir anstelle von dem armen Venom mitnehmen wollten. Venom war nur einen Tag, bevor wir kamen, gestorben.(siehe Regenbogenseite) Venoms Menschen waren sehr traurig und hatten darum gebeten, dann einen anderen Hunde-Opi mitzubringen.
Wir waren sehr gerührt darüber, denn solche Menschen sind schwer zu finden. Es sollte der alte Vuk werden, der an Venoms Stelle nun auf seine alten Tage noch ein neues Zuhause bekommt. Neugierig waren wir auch auf das neue Welpenhaus, welches sich noch im Bau befindet. Wir hatten sehr gehofft, dass es noch vor dem Winter fertig wird, mussten jedoch feststellen, dass es leider immer noch nicht bezugsfertig ist.
Statt die so dringend nötige Unterkunft für die Kleinsten fertig zu stellen, wird für das Tierheim erstmal eine Gasleitung gelegt. Wir waren wütend und fassungslos, denn unmittelbar nebenan saßen 7 Welpen in einem Holzverschlag, der nicht mal eine Tür hat. Lediglich eine kleine, vergitterte Luke ermöglicht den Kleinen ab und zu mal nach draußen zu sehen.
Glücklicherweise haben wir die Gelder für den Welpenhausbau zweckgebunden an Gabor übergeben, der sie treuhänderisch verwaltet und nur dafür zur Verfügung stellt. Und wir sind nicht abgereist, ohne diese Welpen aus dem Verschlag sofort für den nächsten Transport zu reservieren und dafür zu sorgen, dass sie bis dahin vernünftiger untergebracht werden.
Gerne hätten wir sie sofort mitgenommen, was aber durch fehlende Impfungen leider nicht möglich war. Jetzt hoffen wir sehr, dass die Kleinen bis zum Dezember durchhalten. In einem Zwinger im vorderen Teil des Grundstückes erlebten wir die nächste böse Überraschung. Dort waren 2 erwachsene Hündinnen untergebracht, zusammen mit 4 Welpen aus verschiedenen Würfen.
Wir beschlossen sofort, die beiden Hündinnen nach Deutschland mitzunehmen und fanden erleichtert heraus, dass sie den erforderlichen Impfschutz hatten. Eine von den Beiden war so verängstigt, dass sie sich immer wieder vor uns verkroch. Völlig überfordert mit ihrer Situation, war uns klar, dass sie zu den Hunden gehört, die sich aufgegeben haben.
Sie befindet sich jetzt auf einer Pflegestelle in Deutschland und fängt ganz langsam an, ihrem Pflegeherrchen etwas Futter aus der ausgestreckten Hand zu nehmen. Sicher wird es noch lange dauern, bis sie Vertrauen fasst, aber sie hat jetzt eine Chance und die Pflegestelle setzt alles daran, aus ihr mal wieder einen glücklicheren Hund zu machen.
Der Freitag verging wie im Fluge. Wir waren damit beschäftigt, die vielen Hunde zu sichten, die Papiere für die Hunde zu ordnen, die mit uns reisen sollten und alles soweit wie möglich für den nächsten Tag vorzubereiten. Nachdem wir uns für die Rückfahrt noch Proviant besorgt hatten, ging es zurück ins Hotel, wo wir auf Gabor warteten.
Nach einem gemeinsamen Abendessen fielen wir müde in unsere Betten und versuchten, trotz der Erlebnisse, die uns im Kopf herumschwirrten, etwas Schlaf zu finden.
Am Samstag waren wir wieder zeitig auf den Beinen und wir beeilten uns mit dem Frühstück, um zeitig im Tierheim zu sein. Kurz nach unserem Eintreffen, wurde ein Hund in einem großen Laken ns Tierheim gebracht. Wir erfahren, dass es der alte Barni war, der während der Nacht von den anderen Hunden zusammengebissen und schwer verletzt wurde.
Als wir ihn später besuchten, war er wach und wir konnten uns seine Verletzungen ansehen. Wir hatten angenommen, dass man mit ihm beim Tierarzt war, konnten jedoch nicht erkennen, dass seine Wunden behandelt worden waren. Ein paar Tage später haben wir erfahren, dass Barni gestorben ist und wir sind darüber sehr traurig, denn das hätte nicht passieren müssen.
Die letzten Formalitäten wurden geregelt und dann konzentrierten wir uns auf das Boxen-Bauen. An jede Box wurde ein Steckbrief des Hundes befestigt, der darin reisen sollte. Nachdem wir glücklich alle Boxen auf die Fahrzeuge verteilt hatten, war Gabor an der Reihe. Er hatte die Aufgabe, alle Boxen in den Autos so zu fixieren, dass auch Nichts verrutschen kann.
Als alles soweit fertig war, konnten wir endlich damit beginnen, die Hunde in ihre Boxen zu bringen. Bei jedem Tier, das durch die Gänge des Tierheims nach vorne gebracht wurde, verfielen alle anderen wieder in helle Aufregung und bellten. Mir kam es vor, als wollten sie sich verabschieden. Mit eineinhalb Stunden Verspätung konnten wir um 18.00 Uhr die Heimreise antreten, nicht ohne uns besonders von Kati und Gabor zu verabschieden und ihnen für ihre Unterstützung zu danken.
Ohne diese Beiden wären viele Dinge überhaupt nicht möglich. Unterwegs übernahmen wir dann noch die beiden Hunde aus Belfegor und dann ging es los Richtung Grenze. Nachdem der letzte Transport im Oktober so misstrauisch kontrolliert worden war, waren wir alle sehr angespannt und haben sehr gehofft, dass wir dieses Mal verschont blieben.
So eine Kontrolle kostet unheimlich viel Zeit und wir wollten unsere Schützlinge natürlich nicht länger, als nötig in ihren Boxen lassen. Diesmal hatten wir Glück und beide Autos konnten ungehindert die Grenze passieren.
Christine hatte allen Übernehmern von Zuhause aus Bescheid gegeben, dass wir mit Verspätung ankommen werden. Sie haben alle geduldig gewartet und so konnten wir gegen 3 Uhr nachts die ersten Hunde an ihre neuen Frauchen und Herrchen übergeben. An jeder Übergabestelle erwarteten uns strahlende und erleichterte Menschen, die teilweise mit Tränen in den Augen ihre neuen Familienmitglieder in Empfang nahmen.
Einige von ihnen haben wochenlang auf diesen Moment gewartet. Das ist die schönste Seite an unserer Arbeit. Der alte Vuk wurde mit jedem Halt, wo wir ihn kurz aus der Box ließen, munterer, so als hätte er verstanden, dass nun doch noch ein neues Leben für ihn beginnt. Seine neuen Menschen wussten ja nicht, wer da bei ihnen einziehen wird und uns Allen wurde warm ums Herz, wie sehr sie sich über ihn gefreut haben.
Nachdem wir nach langen Stunden Kassel erreicht haben, verließ uns Regina. In Hannover war dann für mich fast Endstation. Dort wurde ich von meinem Mann abgeholt. Jetzt hieß es für mich, noch 2 Hunde zu übergeben und dann mit meinem Pflegehund im Schlepptau nach Hause zu kommen. Die anderen 3 hatten noch einige Stationen vor sich, bevor sie dann am Nachmittag nach fast 22 Stunden Fahrt in Tastrup ankamen.
Jetzt, vier Tage später, sitze ich hier in meiner warmen Stube und versuche zu beschreiben, was ich erlebt habe. Immer wieder muss ich schlucken, wenn ich meine eigenen Worte lese und es fällt mir schwer, meine Tränen zurück zu halten. Ich weiß, dass es mir kaum gelingt, die Realität in Worte zu fassen und auch die Bilder zeigen nicht alles.
Bilder machen keinen Lärm und sie stinken auch nicht. Für mich steht fest, dass das nicht meine letzte Reise in dieses Tierheim war. Denn dort sind noch so viele arme Fellnasen, die dringend unsere Hilfe brauchen und es lohnt sich für jeden Einzelnen. Wir haben noch viel zu tun, um irgendwann alle Missstände dort zu beheben, sofern das denn überhaupt möglich ist.
Und es gibt immer wieder Rückschläge. Vielen herzlichen Dank an all Diejenigen, die uns bei diesem Kampf unterstützen, sei es durch Spenden oder aufmunternde Worte. Und ebenso herzlichen Dank an alle Frauchen und Herrchen, denen wir ein neues Familienmitglied mitbringen durften. Wir wünschen ihnen von ganzem Herzen viele glückliche Jahre.
Alle Bilder dieser Fahrt finden Sie hier.
Stefanie Söchtig











