Ungarnfahrt vom 19.-21.11.09
Am 19.11.2009 ging meine erste Fahrt nach Ungarn, zusammen mit Rosi Detjens und Regina Kubiak-Heutling los.
Rosi startete morgens um 04.00 mit dem PHU-Transporter, vollbeladen mit Spenden, in Norddeutschland und sammelte Regina und mich um 08.30 an der Kasseler Raststätte ein. Die Nacht zuvor konnte ich kaum schlafen vor lauter Aufregung, auch wenn ich mich vorbereitet habe und mir immer wieder die Berichte der vorherigen Fahrten durchgelesen, Fotos angeschaut hatte usw. Doch wie würde es in Wirklichkeit sein, so ganz real?
Nun ja, die Aufregung wurde nicht gerade geringer als Rosi dann mit dem Transporter vorfuhr. Ich bekam aber noch eine Schonfrist und so löste erst einmal Regina Rosi beim Fahren ab.
An Schlafen war für Niemanden zu denken, denn wenn das Seniorenteam mit dem Jungspunt unterwegs ist, ist Action angesagt Die beiden Erfahrenen nahmen mir ein wenig die Angst und auch wenn wir alle wussten, dass wir bald in Ungarn sein werden und viel Leid auf uns zukommen würde, gestalteten wir uns die Fahrt sehr nett (Danke für die sehr intensiven und hoch professionellen Gespräche auf die ich jetzt mal lieber nicht eingehe, denn sie würden hier den Rahmen sprengen :-)). Definitiv hatten wir viel Spaß auf der langen Fahrt.
Wir sind gut und ohne jeglichen Stau durchgekommen und wir erreichten um 19.45 unser Hotel in Kecskemét. Den Abend nahmen wir noch kleine Snacks zu uns in Form von Keksen, Schokolade und Lakritz und bereiteten uns auf den nächsten Tag vor.
Am nächsten Morgen ging es um 08.00 zum Frühstück und Gabor kam auch dazu. Direkt nach dem Frühstück kam von Kati ein Anruf, dass die rumänischen Hunde im Tierheim in Kecskemét angekommen seien und 3 Welpen ginge es gesundheitlich sehr schlecht, so dass Gabor mit den Dreien in die Tierklinik fahren musste. Jetzt, so kurz vor der Abfahrt vom Hotel ins Tierheim, in Verbindung mit dieser Nachricht, wurde mir noch mulmiger als mir eh schon war.
Die Fahrt dorthin lenkte mich ein wenig ab, die Straße direkt zum Tierheim: unvorstellbar. Selbst die schlechtesten Feldwege in Deutschland sind noch besser als dieser Schlaglochweg.
Wir fuhren mit dem PHU-Transporter durch das Tor auf das Tierheimgelände. Ich habe mir bereits vorher gedanklich das lauteste Hundegebell und den schlimmsten Geruch vorgestellt; doch beim Aussteigen überrumpelte es mich direkt. So viele Hunde, eine Geräuschkulisse und ein stechender Geruch, einfach unbeschreiblich. Selbst jetzt nach dieser langen Zeit habe ich das Bellen noch im Ohr, die Gerüche in der Nase und vor allem die Bilder der Blicke von den Hunden vor Augen.
Von dem Tierheimpersonal wurden wir freundlich empfangen. Zuerst vielen unsere Blicke auf Kitty (die ja jetzt bereits vermittelt ist). Diese tolle große weiße Hündin, absolut souverän, streckte ihren Kopf immer wieder durch ein kleines freies Gitterstück und genoss die Streicheleinheiten.
Wir gingen an den Gehegen vorbei, zumindest an denen an die wir rankamen, denn einige Einzelzwinger sind nicht erreichbar ohne erst durch die großen Gehege durchzugehen. So viele Hunde, so unterschiedlich von ihrem Aussehen und doch haben sie eines auf jeden Fall gemeinsam: eine absolut tolle Art!
Wie viele quetschten sich an das Gitter dran „nur“ um eine ganz einfache Streicheleinheit, ein winzig bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen??? So viele Hilfe suchende Blicke und leider auch immer wieder absolut leere Blicke von denen, die sich aufgegeben haben und keinen Lebenswillen mehr zeigen. Einer von ihnen war auch Gorbacsov jetzt Merlin, der mittlerweile in sein neues zu Hause gereist ist und wieder glücklich und voller Lebensfreude ist. Dann die Hunde die trotz des Gebells und Getobe der anderen Hunde in der hintersten Ecke lagen und nicht einmal den Kopf hoben. Ich war fassungslos und unendlich traurig.
Hunde, die an den Gittern hochkletterten weil sie sich vor lauter Kot auf dem Boden und in ihrer Box, gar nicht mehr bewegen konnten: ein Jammer. Teilweise keine Rückzugsmöglichkeiten, kein Dach über dem Kopf und all den Witterungen einfach ausgesetzt. Wer eine Box für sich ergattert hatte, verteidigte diese vor denn anderen Hunden. Es gab Zoffereien um ein gebuddeltes Erdloch- um ein simples Erdloch! Sie haben nichts anderes und sie kämpfen um Dinge die uns nichtig erscheinen.
Dann wieder die Flummis die einfach nur lustig am Zaun umher sprangen, ihre Schnauzen bzw. Nasen durch die Löcher steckten und es genossen ein wenig gestreichelt zu werden.
In einem anderen Gehege saß eine kleine Hündin mit ihren Welpen. Die Welpen sahen aus wie Maulwürfe und so wurden sie fort an auch liebevoll von Regina und Rosi genannt. Es stellte sich raus, dass die Hündin keine Milch hatte um ihre Kleinen zu versorgen. Als Rosi und Regina mit Futter zu ihnen hinein gingen stürzten sich sowohl die Mama als auch die winzigen Welpen nur auf dieses Futter drauf.
Währenddessen ging ich zu den Hunden die im falschen Fell geboren wurden und keinerlei Chance auf Vermittlung haben außer innerhalb Ungarns. Sie wurden dummerweise im Fell eines sogenannten Kampfhundes geboren, auch sie freuten sich natürlich über Streicheleinheiten und waren so freundlich während sie ihre Nasen durch die Gitter streckten.
Hunde mit diversen äußeren Verletzungen (trübe Augen, Blindheit, offene Wunden am Körper, Verletzungen an den Pfoten usw.) und inneren, seelischen Verletzungen die ja nicht sichtbar sind, schauten uns mit solch traurigen Augen an und während sie ein wenig Aufmerksamkeit bekamen mit auch kurzzeitig glücklichen Augen und dabei nur auf der Suche nach ein klein bisschen Zuwendung.
Weiter ging es in das Welpenhaus- so viele Welpen die ihre Welpenzeit im Tierheim verbringen müssen und nichts von der „Außenwelt“ mitbekommen. Im Welpenhaus ist es einigermaßen warm und trocken, so dass die Kleinen dort eine bessere Überlebenschance haben. Ebenso in der Krankenstation, dort sitzen die kranken und verletzten Hunde im Warmen und Trockenen, zumindest halt so lang bis sie wieder raus zu all den anderen Hunden in die großen Gehege müssen. Im Welpenhaus und in der Krankenstation war es auch verhältnismäßig sauber.
Anschließend ging es in die Quarantäne und wieder die vielen Hunde, es nahm einfach kein Ende. Hier saßen nun die Hunde, die erst vor kurzem im Tierheim abgegeben wurden. Manche noch völlig verstört und verstehen die Welt nicht mehr. Sie wissen nicht was mit ihnen passiert und wissen nicht was auf sie zukommen wird. Dabei sind sie alle so individuell und einmalig von ihrem Aussehen und ihrer Art und werden teilweise von Menschen grundlos entsorgt da sie keine Verwendung mehr für sie haben.
Nachdem wir nun unseren ersten Rundgang gemacht hatten hieß es jetzt den PHU-Transporter auszuladen, der ja bis unter das Dach mit Spenden gefüllt war. (Der war so voll beladen, dass wir unsere Taschen mit unseren Klamotten kaum unterbekommen hatten bzw. nun weiß ich dass man ja auch nicht unbedingt eine Riesenreisetasche mitnehmen braucht). Wir luden die Kisten aus, sortierten alles und die Tierheimmitarbeiter räumten es weg. Es waren Berge von Spenden, richtig klasse!
Kaum fertig mit Ausladen ging es weiter mit Listen abarbeiten und Fotos von den Hunden zum aktualisieren zu machen. In Realität sehen die Hunde noch viel schöner aus als auf den Fotos. Kerstin und Bernadette halfen uns sehr dabei, auch Kati kam später noch dazu. Sie alle vollbringen eine unglaubliche Leistung und tun einfach alles für die Tiere. Trotz all dem Leid sind sie für sie da und sind so lieb und freundlich zu ihnen! Was sie leisten ist unglaublich!
Mittlerweile war ich von den vielen Reizen, Eindrücken und unterschiedlichsten Gefühlen so überfüllt, dass ich z.B. nicht mal mitbekam, während wir die Fotos machten, dass ein kleiner Hund in einem der vorderen Gehege ausgebüchst war und nun freundlich und schwanzwedelnd auf uns zugerannt kam. Schnell wurde er wieder eingefangen und wieder zurück gebracht, es war ein kurzer Ausflug in Freiheit.
Nachdem die Listen abgearbeitet waren und alle Fotos gesichert wurden brauchte ich erst einmal eine Pause. Der Kopf dröhnte, die Gefühle fuhren Achterbahn es war Kopfkino angesagt. Rosi und Regina bereiteten die EU-Ausweise für den nächsten Tag vor und Gabor begann mit dem Transportboxenverladepuzzle im Transporter. Als alles soweit fertig und geregelt war legten wir noch kuschelig warme Decken in die Boxen und bestückten sie mit einem Leckerchen, damit die lange Fahrt in ein neues Leben für die Hunde am nächsten Tag schon einmal gut starten sollte.
Da es bereits Abend war fuhren wir ins Hotel (Duschen!!!) um dann zu unserer Einladung bei Kerstin und Fritz zu fahren und lecker gemeinsam Abend zu essen. Rosi, Regina und ich nutzten natürlich die Gelegenheit uns die „7 Zwerge“, die Flaschenkinder von Kerstin und Fritz, anzuschauen und zu bespaßen. Wir ließen den Abend nach dem anstrengenden Tag gemütlich zusammen mit Kerstin, Fritz und Gabor ausklingen und ich war dann doch froh wieder im Hotel zu sein und mich ins Bett legen zu können. Schließlich folgte am nächsten Tag eine lange Fahrt und wir mussten ja alle fit sein.
Die Nacht war alles andere als erholsam, es lief alles noch einmal wie ein Film vor mir ab. Das einzige was mich ein wenig tröstete und beruhigte war, dass am nächsten Tag einige Hunde in ein neues, besseres Leben fahren sollten. Ein Leben in dem sie erfahren dürfen was es bedeutet ein warmes zu Hause zu haben, ein eigenes Bett, Futter zu bekommen, umsorgt zu werden, in Geborgenheit zu leben und ganz viel Liebe und Zuneigung zu erhalten.
Am nächsten Morgen fuhren wir wieder ins Tierheim und gingen noch einmal über das Gelände. Im Quarantänebereich war ich geschockt, über Nacht wurden wieder weitere 6 Hunde abgegeben; die einen kommen aus dem Tierheim raus und werden nach Deutschland reisen und es hört nicht auf, dass immer wieder „Neue“ hinzu kommen.
Bei einer Abgabe war ich dabei und stand fassungslos daneben. Die Leute gaben ihren Schäferhund ab, warteten 3-4 Minuten vor dem Tierheim auf die Leine und das Halsband, drehten sich um und stiegen in ihr Auto ein. Es berührte sie nicht ein bisschen, es war als hätten sie ihren Müll auf einer Mülldeponie abgegeben und fuhren einfach weg.
So, nun ging es aber los: Die Hunde wurden nach und nach aus ihren Gehegen geholt, bekamen ein Halsband an, Chipnummern wurden verglichen, bekamen noch ihr Spot-On-Präparat und ab in den Transporter in ihre vorbereitete Box. Die meisten ließen dies zu meinem Erstaunen echt easy über sich ergehen.
Manch anderer fand es alles andere als toll, einfach nur super doof und so z.B. entpuppte sich Edda als echter Befreiungskünstler der aus verschiedenen Boxen immer wieder rauskam und veranstaltete ein echtes Theater. Die Zeit des „Eingesperrt“ seins war wohl einfach genug, was man ihnen ja auch nicht verübeln kann. Es konnten dann aber doch noch alle gut in ihre Boxen verladen werden und nun folgte der Abschied. Der Abschied von Kerstin, Kati, Babett, Gabor, den anderen Tierheimmitarbeitern und von Hunden die am Zaun standen mit flehenden Blick und NOCH nicht mit konnten.
Mein letzter Blick fiel auf Elli, die ich die ganze Zeit nicht dazu motivieren konnte mal nach vorne zu kommen in Richtung Zaun und jetzt, jetzt stand sie auf einmal da. Mit diesem traurigem und hilflosen Blick so wie auch viele der anderen Hunde. Es zerreißt einem in dem Moment das Herz sie zurück lassen zu müssen und zu hoffen, dass sie es schaffen bei einem der nächsten Transporte dabei zu sein!
Jetzt ging die Fahrt los und all die Übergaben die ich bis Kassel miterleben durfte waren so überwältigend und emotional. Zu sehen wie die Hunde und die Katze von ihren neuen Besitzern empfangen wurden, vielleicht das erste Mal in ihrem Leben so herzlich und liebevoll begrüßt zu werden. Spätestens in diesem Moment wusste ich, dass es sich definitiv lohnt verschiedene „Strapazen“ auf sich zu nehmen.
Es wurde schon so viel erreicht, wie z.B. das Welpenhaus, der Quarantänebereich, die Krankenstation und vor allem die Aufklärung in Ungarn über den Tierschutz und die Kastrationsprogramme. Doch es gibt noch sehr viel zu tun um das Leid der Tiere im Ausland zu mindern und das sie artgerecht umsorgt werden.
Die Fahrt nach Ungarn war für mich eine Erfahrung für´s Leben, die ich hoffentlich nie vergessen werde. Es war so emotional und es gelingt mir nicht dies alles in Worte zu fassen. Ich habe die Realität gesehen und dass es sich lohnt für den Tierschutz zu kämpfen. Auch wenn es mal kleinere mal größere Schritte sind- Für die Tiere sind es Riesenschritte!!!
Anna Weitzel
















