Was geschieht mit mir?
Bin ich gestorben, ohne zu wissen was mit mir passiert ist?
Ich muss meine Gedanken sortieren, sonst verwehen sie, ohne verstanden worden zu sein.
Ich bin ich, denn ich habe schon lange keinen Namen mehr.
Vor einem Jahr hat mein Mensch mich verlassen. Ich habe dies daran bemerkt, dass sein Geruch, den ich immer aus dem Haus wahrgenommen hatte, langsam verblasst ist.
Ich habe kein Verstehen von Leben und Tod und eigentlich spielt es auch keine Rolle, denn alles, was sich für mich änderte war, dass ein Fremder bei mir vorbeikam und Futter und Wasser in meinen Napf schüttete.
Ich machte, was ich immer mache, und versuchte den neuen Geruch festzuhalten, um zumindest etwas Gewohntes in meinem Leben zu haben.
Doch ich roch nur Ablehnung und einen Hauch von Kälte, wie ihn nur Menschen an sich tragen.
Gleichgültigkeit umgab mich und hüllte mich langsam ein.
Die Zeit verging, ich blieb für mich allein und zog mich Stück für Stück aus der Menschenwelt zurück.
Sie gab mir keine Hoffnung darauf, dass auch nur irgendetwas auf mich warten würde.
Doch eines Tages, ich weiß noch, dass es warm war und die Sonne vergeblich versuchte zu meinem Herzen vorzudringen, um es zu erwärmen, veränderte sich alles.
Zwei Menschen standen vor mir und ich schnupperte kurz, um festzustellen, ob es sich lohnen würde, noch einmal aus meiner eigenen Welt aufzutauchen.
Worte, die ich nicht verstand, kamen von dem Menschen, dessen Geruch ich inzwischen kannte.
Ich vernahm nur Wortfetzen wie „nutzlos“ und „einschlafen“, oder so ähnlich.
Aber da war noch der andere Mensch, dessen Geruch ich als angenehm empfand und der mich von meiner Kette löste und mit sich nahm.
Eigentlich war mir das alles egal und der Gedanke nun endlich einfach einschlafen zu dürfen war auch nicht mehr erschreckend.
Neun kalte Winter und neun heiße Sommer habe ich bereits gezählt und alles, was ich in meinem Leben bisher kannte, war das, was ich von meinem Platz hinter dem Haus sehen, hören und riechen konnte.
Resignation hatte schon vor langer Zeit Besitz von mir ergriffen.
Der neue Mensch in meinem Leben brachte mich an einen anderen Ort und übergab mich wiederum an andere Menschen.
Ich wartete auf das kommende „Einschlafen“ und irgendwann war ich so erschöpft und müde, dass mir meine Augen zu fielen.
Was geschah mit mir?
War ich tatsächlich gestorben, ohne es zu wissen?
Es erschien mir möglich, denn etwas in meiner Welt hatte sich grundlegend geändert, während ich schlief.
Da waren auf einmal Menschen um mich herum und die sprachen in warmen Tönen, die sich anhörten, als wären sie Musik.
Freundlichkeit und Wärme, wie ich sie noch nie von Menschen gespürt habe drangen von außen an meinen Panzer.
Es fühlte sich gleichwohl ungewohnt wie angenehm an und ich spürte plötzlich ein ganz neues Gefühl.
Neugier erwachte langsam in mir und ich versuchte in den ersten Wochen über meine Nase herauszufinden was all diese Veränderungen zu bedeuten hatten.
War ich zu Beginn vor Angst erstarrt, so wich dieses Gefühl ganz allmählich und ich war bereit für den nächsten Schritt!
Ich erhielt einen Namen, ganz für mich allein.
Shaun, so sprachen mich nun alle an und mir gefiel der Klang so gut, dass ich mich schnell daran gewöhnen konnte.
Immer öfter kamen nun freundliche Menschen zu mir und jedes Mal hatten sie Leckerchen für mich dabei. Das gefiel mir am allerbesten!
Ich hörte, wie sie sich berieten, was mit Shaun, dem Schaf geschehen solle. Wieder verstand ich nur Wortfetzen wie „Gnadenwald“ oder „zurückholen“?
Von diesem Moment an kümmerten sich alle ganz viel um mich. Sie schenkten mir Zeit, Zuneigung und hatten immer was zum Futtern in ihren Taschen dabei. Ich lernte in nur wenigen Wochen, dass es wohl zwei Welten geben musste und ich nun in die andere Welt gewechselt hatte und die alte für immer hinter mir liegt.
Ich, Shaun, bin am Leben und ich bin der Beweis dafür, dass Herzenswärme und Güte alles verändern können!
Man muss es nur zulassen und darf nicht an alten Welten festhalten.
Ich habe mich entschieden und spüre, dass mein Vertrauen nicht enttäuscht wird.
Mein Leben verdanke ich Karcsi, dem Tierarzt des Tierschutz-Zentrums, der sich weigerte mich einzuschläfern. Ich verdanke es auch Gabor, seinem Team in Ungarn und der Pfotenhilfe-Ungarn gleichermaßen, denn sie schenkten mir dieses neue Leben ohne, dass ich etwas dafür geben musste, und ich verdanke es letztendlich Ihnen allen, die diese Sichtweise unterstützen und stets helfen, dort wo Hilfe benötigt wird.
Ich, Shaun, stehe für die Hoffnung und nun werde ich mich auf die Suche nach einem Weihnachtswunder machen.
Vielleicht gibt es dort draußen ja den einen Menschen, bei dem ich ankommen darf und mit dem ich gemeinsam meine letzten Jahre verbringen kann…..








